Schneiders Short-Term Schalke

Schalke 04 will sich mit Jean-Clair Todibo verstärken. Das französische Innenverteidiger-Talent steht beim FC Barcelona unter Vertrag und möchte auch dorthin zurück. Das stört Schalke nicht. Die Verpflichtung passt zum Kurs, den Schalkes neuer Sportvorstand Jochen Schneider eingeschlagen hat. Aktuell steht bei den Blauen Flexibilität höher im Kurs als langfristiges Planen.

Neben Todibo stehen mit Jonjoe Kenny, Juan Miranda und Michael Gregoritsch drei weitere ausgeliehene Spieler im Kader. Mit Juan Miranda ist ein Bleiben bis 2021 vereinbart. Gut möglich, dass die anderen Schalke schon in der nächsten Transferperidode wieder verlassen. Außerdem laufen die Verträge von Daniel Caligiuri, Bastian Oczipka und Benjamin Stambouli in fünf Monaten aus. Dem Kader droht der nächste Umbruch.

So würde es Jochen Schneider selbst wohl nicht formulieren. Für ihn bedeuten auslaufende Verträge und kurzfristige Leih-Engagements Flexibilität. Schalke konnte sich in den letzten 3 Spielzeiten zweimal nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. Für den Club ist das dramatisch. Der Konzernzwischenbericht 2019 wies Verbindlichkeiten von 226 Millionen Euro aus. Größere Investitionen in Ablösesummen und Gehälter für vermeintliche Stars kann sich Schalke derzeit nicht leisten. Geld dafür muss man sich zunächst durch sportliche Erfolge und daraus resultierenden Einnahmen erwirtschaften.

Da ist es schlau, zunächst keine großen Risiken einzugehen. Natürlich würde Schalke Jonjoe Kenny gerne über den Sommer hinaus behalten. Jetzt, wo klar ist, dass er auf Schalke eingeschlagen ist. Aber Spieler möchten möglichst viel Geld verdienen und in ihrer Karriere voran kommen. Wer in der englischen Premier League spielt oder beim FC Barcelona unter Vertrag steht, kommt nicht auf Schalke, weil hier die Fans lauter singen. Schalke bietet solchen Spielern Bundesliga-Spielzeit, einen Trainer, dessen Name aus der Premier League bekannt ist und die Aussicht, nach individueller Weiterentwicklung zum vorherigen Club, in die vorherige Liga, „zum vorherigen Status“ zurückkehren zu können.

Auch bezüglich der Spieler, deren Transferrechte bei Schalke 04 liegen, ist eine Vertragspolitik nach dem Grundsatz der Flexibilität zu erkennen. Die Vertragsverlängerungen mit Weston McKennie und Amine Harit waren wichtig, weil sie den höchsten Wiederverkaufswert versprechen. Der geplante Vertrag mit Alexander Nübel, inklusive Ausstiegs- bzw. Wechselmöglichkeit, hätte ebenso ins Konzept gepasst. Gleichzeitig ist man mit Investitionen in ältere Spieler, deren Karriereplan nicht mehr unbedingt ein Verlassen der Blauen zu einem größeren Club vorsieht, eher vorsichtig. Spieler wie Bastian Oczipka, Daniel Caligiuri und Benjamin Stambouli waren in der jüngeren Vergangenheit wichtige Stützen. Neue Verträge mit ihnen binden aber Budget, versprechen keine späteren Transfereinnahmen und lassen sich auch nicht so leicht „loswerden“, falls der sportliche Erfolg in absehbarer Zukunft ausbleibt und die Kaderkosten weiter gesenkt werden müssen.

Bei einer Vertragsverlängerung mit Weston McKennie vor allem an dessen Wiederverkaufswert zu denken, mutet unromantisch an. Und sollte sich Schalkes sportliche Leitung gegen eine Vertragsverlängerung mit Benjamin Stambouli entscheiden, würde das ein eher lauteres Grummeln in der Fangemeinde auslösen. Der Franzose bespielt die einschlägigen sozialen Netzwerke regelmäßig und gekonnt, ist sehr sympathisch und wird gemocht. Trotzdem ist es nicht abwegig, dass sich Schalke auch bezüglich dieser Personalie nach Alternativen umschaut, den Blick auf Entwicklungsmöglichkeiten, Wiederverkaufswerte und Flexibilität richtet. Es würde ins Bild passen, das Jochen Schneider bislang als Sportvorstand des FC Schalke 04 abgibt. Eher nicht romantisch, auch nicht smart, aber nachvollziehbar und klar in seinem Tun.

Reset

Im Januar 2007 hatte ich angefangen, im eigenen Blog über Schalke 04 zu schreiben. Am 24.05.2018 habe ich mein königsblog abgeschaltet. Heute vor 600 Tagen.

Nein, das hier ist kein königsblog 2.0. Im August 2017 hat mein Leben einen Neustart erfahren. Dass ich seitdem weniger Texte veröffentlichte, dass ich meine Webseite letztlich abschließen konnte, lag auch daran, dass mein Alltag wieder wertvoller und spannender wurde.

Aber ich mag das Schreiben. Und ich habe weiterhin stets meine Meinung zu den Dingen um Schalke 04. Deshalb ist das hier nun meine Plattform für Dieses und Jenes.

Hier sind die königsblog-Texte zu finden, die es meines Erachtens wert waren, auch abseits der damaligen Tagesaktualität, aufgehoben zu werden. Dass ich die vielen tollen Kommentare zu eben diesen Texten zurückließ, tat mir in der Seele weh, war aber rechtlichen Gründen geschuldet.

Hier wird es wieder Texte zu Schalke 04 geben. Wie regelmäßig, wie häufig, vermag ich noch nicht zu sagen. Meine Idee ist, dass es hier auch andere Texte geben wird. Wie sich das entwickelt: Ma’kucken.

Schalker sein und bleiben, keine Stimme der AfD!

Der FC Schalke 04 war in seinen Anfangsjahren eng mit der Zeche Consolidation verbunden. Er wurde entscheidend durch die Einwanderer geprägt, die damals der Arbeit wegen aus Masuren ins Ruhrgebiet kamen, die Koslowskis, Tibulskys, Zurawskis.

Auch heute profitiert Schalke 04 von seinem Standort, der Mitten im Ruhrgebiet als Ballungszentrum seit je her für Einwanderer attraktiv war. In der Knappenschmiede werden Mercans, Yildiz‘, Kutucus oder Cans ausgebildet, die in Recklinghausen, Düsseldorf oder Gelsenkirchen geboren wurden, deren Familien sich einst bewusst für den Zuzug entschieden haben.

Der Verein Schalke 04 hat sein Bestreben, die Integration ausländischer Mitbürger zu fördern, in der Satzung verankert. Gleich in Paragraph 2 wird klargestellt, dass der Verein rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen aktiv entgegen tritt.

Schalker sind viele. Wir sind schwul und hetero, vom Glauben geprägt und Atheisten, wir haben alle Hautfarben, wir sind behindert und topfit, sind arm und reich, klug und manch einer auch doof. Wir sind bunt. Wir dürfen es sein, wir sind okay wie wir sind, und wir vereinen uns unter der blau-weißen Fahne.

Wer für Ausgrenzung ist, wer meint, der Zuzug von Menschen, die hier leben und arbeiten möchten, führe zum Untergang des Landes, der hat Schalke 04 nicht verstanden. Wer umgekehrt Schalke verstanden hat, kann unmöglich damit einverstanden sein, dass es rechtsradikale Politiker im Bundestag geben soll.

Deshalb: Schalker sein und bleiben, keine Stimme der AfD!

Messias Tedesco? Erst mal nur „der Nächste“

Eine lange Saison steckt in den Schuhen. Der Endspurt. Gewonnen, verloren, unentschieden. Gewonnen, verloren, gewonnen. Noch ein Spiel gegen einen gleichwertigen Gegner. Ein Punkt reicht, um das Saisonziel doch noch zu erreichen! Auf Sieg spielen, an sich glauben! Um dann doch zu verlieren.

Klingt nach Schalke. Ähnlich widerfuhr es den Blauen immer dann, wenn man doch noch auf einen Europa League-Platz hätte kommen können. Die oben beschriebene Abfolge ereilte aber Erzgebirge Aue. Am letzten Spieltag verlor Aue in Düsseldorf mit 0:1.

Dass Aue auf „Sieg spielen“ würde, wie von Tedesco angekündigt, davon war kaum etwas zu sehen. Zwar kombinierten die Veilchen teilweise ansehnlich, aber kaum bis ins letzte Drittel.

… schrieb der kicker später. Dass Aue dennoch feiern durfte und nicht in die Relegation musste lag daran, dass Bielefeld und 1860 München ihre letzten Spiele ebenfalls nicht gewannen. Als Retter Aues durfte sich Domenico Tedesco selbstverständlich dennoch feiern lassen. Von 11 Spielen unter seiner Leitung verlor Aue nur drei, gewann sechs. Aber als ein Proficlub wie Schalke 04 …

verpflichtet man ja nun wirklich keinen Trainer, der für ein paar Wochen bei Aue wohl gute Arbeitet leistete, sondern in erster Linie den von vielen als überragend empfundenen Jugendtrainer, der auch in Aue überraschend großen Erfolg hatte.

… wie Kommentator sternburg gestern so treffend schrieb.

Bevor Domenico Tedesco im März Aue übernahm war er U19-Trainer in Hoffenheim. Dieses Amt hatte er erst zu Saisonbeginn übernommen. In der Saison zuvor gewann Hoffenheim die Staffel Süd/Südwest. In den 20 Partien unter Domenico Tedesco kam Hoffenheim auf 10 Siege, 2 Unentschieden und 8 Niederlagen. Bei seinem Abschied belegte die TSG Platz 4 und hatte bei einem Torverhältnis von 38:35 die zweitmeisten Gegentreffer kassiert.

Bevor er nach Hoffenheim kam war Domenico Tedesco Cheftrainer der U17 des VfB Stuttgart. In der Saison 2013/2014 führte er das Team auf Platz 2. In der Saison 2014/2015 gewann sein Team die Staffel. In den zwei Spielzeiten vor Domenico Tedesco belegte die U17 des VfB Stuttgart ebenfalls Platz 2 und 1. In den zwei Spielzeiten nach Domenico Tedesco belegte die U17 des VfB Stuttgart Platz 1 und 2.

Stopp!

Der Wieland, der ewige Mopperkopp! Will der den neuen Trainer schon vor dem ersten Testspiel schlechtmachen? Was will er uns damit sagen? Dass sich Heidel vertan hat?

Nein. Ich möchte nur darstellen, dass Schalkes neuer Trainer kein Messias ist, und dass seine Erfolge mit Jugendteams keineswegs so spektakulär waren, wie man glauben könnte, wenn man nun die vielen Jubeltexte liest, die gerade über ihn verfasst werden. Experten nennen Domenico Tedesco eines der größten Trainertalente. Aber das wurde zuvor eben auch schon über viele gesagt. Gerade zwischen den Spielzeiten wird viel gelobt. Wer wissen will, was ich meine, suche mal nach Texte über Markus Weinzierl, als dieser zum Trainer des Jahres ernannt wurde.

Ich freue mich auf Domenico Tedesco. Er wirkt sympathisch und enthusiastisch. Man sagt, er wisse was er tue. Er hat noch nirgendwo enttäuscht. Sein junges Alter empfinde ich nicht als problematisch. Ich sehe keinen Grund zur Sorge, ich wüsste nicht, warum ich diesem Trainerwechsel nicht optimistisch begegnen sollte. Noch sehe ich aber auch keinen Grund, heute optimistischer zu sein, als ich es bei den Trainerwechseln zu Roberto Di Matteo, André Breitenreiter oder Markus Weinzierl war.

Ma’kucken.

Foto: Tomek Bo

Der Tullus um Meyer & Konoplyanka

Der DFB-Pokal und die europäischen Wettbewerbe hatten ihre Endspiele. Zu Schalke gab es keine nennenswerten Nachrichten. Das ist nun endlich vorbei. Seit gestern gibt’s auf Schalke endlich wieder Tullus! Nachrichten um Max Meyer und Evgen Konoplyanka konnten dafür sorgen.

Eigentlich ist der Tullus gerade gar nicht auf Schalke, sondern eher medial um Schalke herum, denn beide Spieler sind derzeit mit Auswahlmannschaften unterwegs. Aber so kleinlich will nun wirklich niemand sein, wenn es endlich mal was zu schreiben gibt. Über Max Meyer heißt es, er habe ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt. Evgen Konoplyanka gab derweil ein Interview in dem er bestätigte, dass Markus Weinzierl nicht mehr mit ihm plane, in dem er den Trainer beschimpfte und prophezeite, dass Schalke mit Weinzierl absteige.

Nach dem schlechten Abschneiden in der letzten Saison steht Markus Weinzierl natürlich im Fokus. Da fallen solche Aussagen eines Spielers wie Miraculix‘ Zaubereicheln auf den Boden und lassen einen Wald aus Gewissheit entstehen, dass dieser Trainer nicht richtig mit seinen Spielern umgeht, dass es so nichts werden kann. Kritik an Markus Weinzierl zu entkräften ist schwierig, wenn es um Dinge geht die nicht auf dem Platz passieren. Man weiß einfach nicht, was konkret vorgefallen ist, man weiß nicht, was gegenüber wem in welchem Ton gesagt wurde. Wir wissen nun lediglich, wie bei Evgen Konoplyanka ankam, dass man ihm sagte, dass Schalke nicht mehr mit ihm plane. Nach seinen Leistungen und nach diesem medialen Coup zu urteilen wird er dem Club in der kommenden Saison nicht fehlen.

Spannender ist die Personalie Max Meyer. Einmal mehr kommuniziert der von der Agentur ROGON vertretene Spieler über die BILD und gibt dort zur Veröffentlichung bekannt, dass Schalke ihm ein Angebot zur Vertragsverlängerung gemacht hätte, dass er mit seinem Management die Ablehnung entschieden hätte, dass er sich in der kommenden Saison zeigen müsse, und dass es eben „die Frage sei“, ob er Schalke nun in diesem oder im nächsten Jahr verlasse.

Wir können davon ausgehen, dass diese Aussagen absichtlich in jede Richtung zu interpretieren sind. Max Meyer wird als „zu haben“ in die Medien gebracht, kurz bevor er sich mit der U21 bei der EM in Polen zeigen kann. Dies könnte seinen Marktwert noch mal auffrischen, zumindest aus der Sicht potenzieller neuer Clubs.
Dass gerade Schalke 04 nicht das Megaangebot auf den Tisch gelegt hat, das sich Max Meyer und sein Management nach den Jahren des Supertalent-Status‘ als Folgevertrag vorgestellt haben, ist durchaus denkbar. Denkbar wäre auch, dass Christian Heidel einem Wechsel Max Meyers in dieser Saison und bei entsprechender Ablöse nicht abgeneigt wäre, dass das Angebot entsprechend war. Man weiß es eben nicht. Ma’kucken.

Die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga

Für den FC Schalke 04 stehen in dieser Zeit zu Buche:

  • 2007/2008: Qualifikation zur UCL-Qualifikationsrunde, UCL Viertelfinale
  • 2008/2009: –
  • 2009/2010: Vizemeister, UCL Qualifikation, DFB-Pokal Halbfinale
  • 2010/2011: UCL-Halbfinale, DFB-Pokalsieger
  • 2011/2012: UCL Qualifikation, UEL Viertelfinale
  • 2012/2013: Qualifikation zur UCL-Qualifikationsrunde, UCL Achtelfinale
  • 2013/2014: UCL Qualifikation, UCL Achtelfinale
  • 2014/2015: UEL Qualifikation, UCL Achtelfinale
  • 2015/2016: UEL Qualifikation
  • 2016/2017: UEL Viertelfinale

Hier geht’s zu der Version von 2016.

May the 4th be with Schalke 04!

Damals wollten sie nur kicken. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wollten sie plötzlich überall Fußball spielen. Auch einige Nachbarsjungen in Schalke. Seit 1904 trafen sie sich regelmäßig. Sie nannten sich Westfalia, und sie kleideten sich Rot-Gelb.

Aus dem Notizbuch Willy Gies’ kennen wir einige Namen, die heute als Vereinsgründer verehrt werden. Vielleicht gehörten noch andere dazu. Das festzuhalten war damals nicht wichtig. Ein registrierter Verein wurde Westfalia erst 1909.

Das Weitere ist Geschichte, und die wurde vielfach erzählt, auf dem Weg zum heutigen Fußballclub Gelsenkirchen‑Schalke 04 e.V.. Geschichten wurden und werden gerne ausgeschmückt. Irgendwann, wohl in den 60er Jahren, hat man festgelegt, dass es der 04. Mai 1904 gewesen sein soll, da der damals 14-Jährige Willy Gies mit seinen Freunden erstmals als Westfalia kickte. Dieses Datum gilt seitdem offiziell als der Geburtstag der heutigen Blauen, dieser Tage einer der größten Fußballvereine der Welt.

Bundesligafußball ist eine Unterhaltungsindustrie. Schalke 04 ist ein Teil davon. Einer der Clubs, die meinen sich in glattgezogenen TV-Produktionen sauber präsentieren zu müssen. Ein Club, deren Funktionäre das Mitspracherecht der Mitglieder einschränken möchten. Es gibt so vieles, was mich nervt, an diesem Club.

Und doch hänge ich ihm immer wieder nach. Den Menschen, der Geschichte und den Geschichtchen. Den Begegnungen, die ich erfuhr, nur durch die Gemeinsamkeit, sich irgendwann in diesen Fußballclub verliebt zu haben.

Dieser Club sind wir alle. Schalke 04 sind seine Menschen, seine Mitglieder. Die Geschichte dieses Clubs muss gefühlt werden, es geht nicht nur darum, Retro-T-Shirts zu verkaufen. Das ist mehr als ein Produkt. Das macht es besonders. Ich wünsche mir, dass das jeder versteht. Ich empfehle jedem, daran teilzuhaben.

Alles Gute zum Geburtstag, Schalke 04!

Möge „die Macht mit Dir sein“, und bleiben, auch nach der nächsten Jahreshauptversammlung.

† Herbert Preckel

Ein Kerl wie ein Baum! Erst 66 Jahre alt. Letzte Woche Freitag fiel er um. Einfach so. Herbert Preckel war der Papa meiner Freundin Kerstin. Im Stadion saß ich jahrelang neben ihm. Nun nie mehr. Nicht zu fassen!

Mit einer neuen Frau bekommt man neue Bekannte geschenkt, aus denen bestenfalls Freunde werden. Als ich die heutige Frau Wieland kennenlernte, eine Tochter Gelsenkirchens, bekam ich Freundin Kerstin dazu. Es dauerte nicht lange, da saß ich erstmals bei den Preckels in der Küche. Frau Wieland kannte Kerstin seit Kindheitstagen und war immer gerne dort. Ab dem ersten Augenblick wusste ich warum. Bei den Preckels, bei Herbert und seiner Frau Gilla, fühlte ich mich sofort willkommen. Ein Haus voller Leben.

Zu ihnen hatte man kein Eltern-Verhältnis. Es war wie bei älteren Freunden. Dort war immer was los. Drei Töchter. Drei Schwiegersöhne. Neun Enkelkinder. Die Geschwister und Nichten gleich nebenan. Man war nie alleine.
In der Hütte in ihrem Garten feierten wir Silvester. Es hüpften stets Kinder herum, irgendwann auch mal meine. Irgendwie wurde immer gekocht, gebacken oder gegrillt. Die Preckel-Welt war für mich der Inbegriff von Familie, in welche auch Freunde für die Zeit ihres Dortseins aufgenommen wurden. Und während Gilla für das Herzliche zuständig war, sorgte Herbert für Witz und Tun.

Für Herbert schien nie etwas zu schwierig zu sein. Konnte er etwas nicht selbst erledigen, kannte er einen, der einen kannte. Und wenn man mit Herbert auf Schalke fuhr, kannte er sogar Leute, deren Einfahrt er zuparken durfte, um in angemessener Entfernung zum Stadion seinen Wagen abzustellen.

Dort, in der Arena, in Block S5, in der vorletzten Reihe von oben, saßen wir lange nebeneinander. Herbert war einer dieser Schalker, die im Ton der Ironie davon sprachen, dass Schalke den nächsten Gegner schon putzen würde, und denen vor dem Spiel die Ironie zugunsten von Optimismus flöten ging. Ich mochte seine Art sehr, das alles nicht zu ernst zu nehmen, und doch leidenschaftlich bei der Sache zu sein.

Nach Roberto Di Matteo und vor André Breitenreiter gaben Herbert und Kerstin ihre Dauerkarten weiter. Seitdem habe ich sie sehr vermisst. Bis zuletzt hoffte ich, sie würden es sich nochmal anders überlegen. War das Spiel mal doof, fühlte ich mich zumindest zwischen ihnen wohl. Nun wird es nie mehr sein können, wie es mir am liebsten war.

Schalke, das sind vor allem Menschen.
Mit Herbert ging ein Stück meiner schönsten Schalke-Zeit.

Das Prinzip Show

Die andere Idee von Profisport in den USA

Am Sonntag fand in Houston, Texas, der Superbowl statt, das Endspiel der US-Football-Liga NFL. Mittlerweile ist dies ein Ereignis von weltweitem Interesse. Etwas, das jeder mitbekommt, ob er Football nun mag oder nicht. Wer hinschaut wird zustimmen, dass es sich um eine gigantische Show handelt. Auch die Endspiele der Fußball Weltmeisterschaft oder der europäischen Champions League sind große Shows. Und doch fühlt es sich noch anders an. Beim Fußball nimmt die Show dem Sport immer mehr von seiner Ursprünglichkeit. Beim Football gehört die Show dazu, mehr noch, das Spiel unterstützt diese. Dem Sport der großen US Profiligen, egal ob Football, Baseball, Basketball oder Hockey, liegt eine radikal andere Idee zugrunde. Eine Idee, welche ihren Ursprung vor bald 150 Jahren hatte. US Sport ist mit dem europäischen und vor allem mit dem deutschen Verständnis von Ligasport nicht zu vergleichen.

Fußball in Deutschland: Sich messen und konkurrieren

Als der Fußball nach Deutschland kam, traf er auf ein Land von Turnern. Turnen war körperliche Ertüchtigung zum Wohle seiner selbst. Man turnte gemeinsam. Turnen war gut. Fußball war wild. Fußball war ein Gegeneinander. Turner wollte mit Fußball nichts zu tun haben. Die unzähligen „Turn- und Sportvereine“ in Deutschland zeugen noch heute davon, dass man sich Turnen keinesfalls in der gleichen Kategorie wie Fußball und ähnlichem denken konnte.

In den 1880er Jahren entstanden in Deutschland die ersten Fußballvereine. Noch vor der Gründung des Deutschen Fußball Bundes gab es Spiele von deutschen gegen französische und englische Auswahlmannschaften. Ab 1903 gab es erste deutsche Meisterschaftsrunden. Damals wurde das Prinzip geschaffen, nachdem Fußball noch heute funktioniert. Die Sieger kommen weiter, spielen bis zum Triumph und werden für diesen belohnt. Die Verlierer bleiben zurück, steigen in untere Ligen ab, während andere, bessere Mannschaften ihren Platz einnehmen.

Die Cincinnati Red Stockings: Die Idee des Geldverdienens

In den USA war Baseball die erste Sportart, die sich zu organisieren begann. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde Baseball gespielt, nach heutigem Wissen wurde 1845 der erste Verein gegründet, die New York Knickerbockers. Entscheidend für die Entwicklung zum heutigen System waren aber die Cincinnati Red Stockings (heute Cincinnati Reds), welche ab 1869 durch die Gegend zogen.

Durch die Gegend zogen? Genau. Den Red Stockings war nicht daran gelegen, einen Pokal in die Höhe zu stemmen. Sie waren eine Art Wanderzirkus. Sie spielten besser als alle anderen. Wohin sie auch kamen, es wurden Auswahlmannschaften zusammengestellt, um gegen sie anzutreten. Sie waren ein Ereignis. Die Leute wollten sie spielen sehen. In den ersten beiden Jahren bestritten sie über 130 Spiele und blieben dabei unbesiegt. Sie verdienten Geld damit.

Die US Profiligen als geschlossene Veranstaltungen

Die Idee des Geldverdienens durch Sportunterhaltung ist die Grundlage aller US Profisportligen. Dies zu wissen ist der Schlüssel, um amerikanischen Sport und dessen Unterschiede zum hiesigen System zu verstehen. Die Ligen sind große Unternehmen, die einzelnen Clubs Franchisenehmer. Die Clubs gehören Besitzern, die ihrerseits erfolgs- und damit auch gewinnorientiert handeln. Die Clubs setzen einen Commissioner ein, der die Interessen der Liga vertritt und als eine Art Schiedsrichter fungiert. Wichtige strategische Entscheidungen entscheiden aber die Clubs gemeinsam.

In diesen Ligen gibt es keinen Auf- oder Abstieg. Man versteht sich als das Premiumprodukt des entsprechenden Sports. Man nennt die Sieger „World Champions“ und die Liga „The Show“. Es kommt vor, dass Besitzer mit ihrem kompletten Club die Stadt wechseln möchten, zum Beispiel weil man seit Jahren unter einem abnehmenden Zuschauerzuspruch leidet und weil eine andere Stadt mit dem Neubau eines Stadions lockt. Dies wird von der Gemeinschaft aller Clubs erlaubt oder verhindert. Ebenso wie der Verkauf eines Clubs an einen neuen Besitzer, oder gar eine Erweiterung der Liga durch die Vergabe einer neuen Lizenz, welche dann kurzerhand zur Erfindung eines neuen Clubs führen kann.

Entscheidend ist, dass jede Liga einen mehr oder weniger konkurrenzlosen Kosmos darstellt, in dem Regeln für alle gelten, zu denen es keine Alternative gibt. Unterschreibt ein Baseball-Talent einen Vertrag bei den New York Yankees, unterschreibt er einen Vertrag der Major League Baseball. Wollen die Yankees das Talent nicht mehr, schicken sie es mit vielleicht zwei weiteren Talenten zu den Cleveland Indians, und bekommen einen gestanden Profi dafür zurück – dann spielt das Talent eben bei den Indians. Nachgefragt wird dafür nicht. Erst mit einem gewissen Star-Status haben Spieler die Chance, sich eine „No-Trade“-Klausel in den Vertrag schreiben zu lassen. Die Clubs mögen das nicht, weil es ihre Handlungsfähigkeit einschränkt. Sie bezahlen hohe Gehälter und erhalten dafür einen Gegenwert, die Leistung des Spielers oder dessen Tauschwert. Für sie ist es normal, darüber frei zu verfügen.

Das Bestreben nach Ausgleich

„The Show“ soll nicht langweilig werden. Alle Besitzer wollen Geld verdienen. Die US Profiligen sind der Überzeugung, dass es insgesamt weniger profitabel ist, wenn stets nur eine Handvoll Clubs die Chance hat, Champion zu werden. Deshalb erfand die NFL das Draft System, welches später von allen US Profiligen übernommen wurde.

Dabei teilen die Clubs die Rechte zur Verpflichtung von noch nicht für die Proficlubs spielenden Talenten untereinander auf. Der Clou ist, dass dabei der in der vergangenen Saison schwächste Club zuerst und der Champion zuletzt auswählen darf. Ein Talent, welches von einem Club „gedraftet“ wurde, darf nur bei diesem einen Profivertrag unterschreiben. Will er das partout nicht, spielt er nicht in der Liga.

Ein weiteres Instrument, um Ungleichheiten zwischen den Clubs auszugleichen, ist die „Salary Cap“. Eine von der Liga festgelegte Obergrenze, welche die Clubs an Ausgaben für Spielergehälter nicht überschreiten dürfen. Nun ist es so, dass einige Clubs solche exorbitanten Einnahmen aus TV-Rechten beziehen, dass sie Strafzahlungen von bis zu 40 Millionen Dollar pro Jahr hinnehmen, um eben doch den Kader ihrer Wünsche zusammenzustellen. Vollendes lässt sich der Unterschied in den Märkten zwischen Clubs aus New York oder Los Angeles gegenüber Clubs in eher ländlichen Gebieten eben nicht ausgleichen. Dennoch ist die „Salary Cap“ ein Ansatz, um dem vollkommen zügellosen Wirtschaften im Profisport zu begegnen.

Die US Profiligen, das bessere System?

Auch in der NFL gibt es Clubs, die sich über einen längeren Zeitraum an der Spitze halten können. Trotzdem erreichen regelmäßig Teams den Superbowl, die seit Jahren oder gar noch nie große Erfolge feiern konnten; wie zuletzt die Carolina Panthers, oder in diesem Jahr die Atlanta Falcons. Im Baseball gewann im vorletzten Jahr ein Club die Endspielserie, der zuletzt vor 30 Jahren triumphierte. In der letzten Saison siegten gar die Chicago Cubs, der seit 108 Jahren auf einen Titel warteten! Beispiele dafür, dass das System funktioniert. Dass es für Abwechslung sorgt, und dass es in den amerikanischen Ligen möglich ist, einen Club zu „rebuilden“; über den Draft einige Jahre Talente zu sammeln, so Werte zu schaffen und über geschicktes Management auch in einem „Verliererclub“ ein konkurrenzfähiges Team zusammenzustellen.

Entwicklungen, die im europäischen Fußball unmöglich erscheinen, wo sich Verhältnisse fast ausschließlich über den Geldfluss von Investoren verschieben lassen. Dennoch braucht man sich die Frage nach einem besser oder schlechter nicht stellen. Das US System ist vor allem anders, und es lässt sich unmöglich nach Europa übertragen.

Die Fußballclubs in Deutschland sehen sich nicht als Gemeinschaft. Die „Solidarität“ in Sachen TV-Vermarktung ist ein Feigenblatt. Bayern München konkurriert mit Real Madrid und Chelsea, die Zweitgrößten haben Bedenken von den Drittgrößten eingeholt zu werden. Überall ein Gegeneinander, alles in Konkurrenz, so wie Fußball in Europa groß geworden ist. Niemand kann akzeptieren, zu Gunsten eines großen Ganzen zurückzustecken. Das ist nicht unter einen Hut zu bekommen. Insbesondere auch, weil sich hier die Vorteile des abgeschotteten Systems einer US Liga nicht erreichen lassen, weil Fußballclubs in einem weltweiten Markt agieren. Ein Draft-System ist hier undenkbar. Wenn einem Fußballspieler vorgeschrieben werden soll, für welchen Club er zu spielen hat, sucht er sich eben ein anderes Land.

Es wird so bleiben, dass sich die zu großen Abstände in den Umsätzen der Fußballclubs nicht sportlich überwinden lassen. Es wird so bleiben, dass viele Fußballfans es als falsch empfinden, dass ein deutscher Milliardär seinen Dorfclub in die Bundesliga bringt. Dass zum Teil die gleichen Leute aber dennoch nachts den New England Patriots zujubeln, die einem Milliardär und Besitzer einer Unternehmensgruppe der Papier- und Verpackungsindustrie in den USA gehören. Die Bundesliga und ihre einzelnen Clubs sind längst Unternehmen im Unterhaltungsbusiness, sie verkaufen den Fußball als leicht konsumierbares Produkt. Nur darf das niemand sagen. Fans wollen das nicht hören. Sie wollen anders sein, purer, echter, ehrbarer. Fast ein bisschen so wie deutsche Turner im 19. Jahrhundert.

Foto: US Air Force