Training ohne Räucherstäbchen

Dass Manuel Neuer einen Mentaltrainer beschäftigen soll, bestreitet dieser. Er flachst dann herum, dass dafür nur Toni Tapalovic in Frage käme, und dieser schließlich nicht studiert hätte. Dabei könnte Manuel Neuer sicher von einem Mentaltrainer profitieren. Die meisten, vielleicht alle Bundesligaprofis könnten dies. Aber das Thema ist den Profis peinlich, der Umgang damit fällt schwer, solange solch ein Training in der Öffentlichkeit als Eingeständnis von Schwäche angesehen wird.

In Berufen mit großer Verantwortung oder für Menschen in Führungspositionen sind regelmäßige Trainings zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit oder zur Stressbewältigung völlig normal. Buchläden sind voll von Sachbüchern, in denen vermittelt wird wie man sein Gedächtnis trainiert, wie man schlagfertiger wird, wie man sich in bestimmten Gesprächssituationen am besten verhält. Diese Bücher werden von Leuten gekauft die sich auf einem bestimmten Gebiet verbessern wollen, sie bilden sich fort. Und wohl nur sehr einfältige Zeitgenossen würden ihr tun als Schwäche werten.

Im Fußball ist das völlig anders. Wenn ein Profi mal die Vorzüge solcher Trainings für den Kopf darstellt, merkt sich das niemand. Im Gedächtnis bleibt, dass Christoph Daum mit seinen Spielern über Scherben liefen, oder das Psycho-Coach Peter Boltersdorf Schalker Spieler in Shirts mit der Aufschrift ‚Totale Dominanz’ steckte und sie nach ihren sexuellen Vorlieben befragte. Den zweifarbig Denkenden ist klar, alles wo Mental drin vorkommt ist schwarz. Und da es im deutschen Profifußball üblich ist, Themen, die im Fall des Misserfolgs auf einen zurückfallen könnten, zu vermeiden, wird dieses Thema so gut es geht totgeschwiegen.

Aber das Training der kognitiven Fähigkeiten gehört mittlerweile zum modernen Sport, und wer über moderne Methoden im Fußball spricht, kommt an diesem Thema nicht vorbei. Was dazu führt, dass prominente Sportler zwar positiv über Mentaltraining sprechen, aber meistens großen Wert darauf legen, dass sie selbst es eigentlich nicht bräuchten.

Thorsten Frings zum Beispiel referierte auf Einladung einer Supermarktkette vor Auszubildenden zum Thema ‚Motivation und mentale Stärke’. In einer ZDF Sportreportage dazu erklärte er, wie gut es gewesen wäre, dass mit Hans-Dieter Hermann ein Sportpsychologe zum Betreuerteam der Nationalmannschaft gehört hätte – nicht ohne vor der Kamera anzumerken, dass Hermann wenig zu tun gehabt hätte, sie seien schließlich erfolgreich gewesen.

Selbst der Revolutionär Jürgen Klinsmann tat sich auf eine konkrete Frage schwer. In der Planungsphase vor der WM, vor Hermanns Verpflichtung, gab er 3Sat ein Interview, in dem er ausführlich über die Vorzüge des mentalen Trainings sprach. Dass es heutzutage normal sei, dass es in Amerika schon lange so sei, schließlich wohne er ja seit 6 Jahren usw. usf. … Bezogen auf die Nationalmannschaft sprach er sehr bewusst ausschließlich im Konjunktiv, und auf die konkrete Frage, ob er denn schon einen Namen im Kopf hätte, konnte er Verlegenheit nicht unterdrücken. Wie ein Lausbub, den man bei einer Peinlichkeit erwischt hat, gab er ein knappes, halbverschlucktes Nein zur Antwort, mit hochroten Wangen und dem Lächeln, das ihm sonst in allen Lebenslagen hilft.

Direkter ging Josip Simunic mit dem Thema um. Als er von einer Zeitung in die Schublade des psychisch Kranken gesteckt werden sollte, ließ er über seinen Verein Hertha BSC eine offizielle Mitteilung verbreiten:

„Nach zuletzt vier Platzverweisen in sieben Monaten war mir klar, dass es so nicht weitergehen kann. Darum habe ich beschlossen, mit einem Mentaltrainer zusammenzuarbeiten. Da aber Teile der Medien sich schwer tun, mit diesem Thema sachlich umzugehen, mache ich zu Details keine weiteren Ausführungen.“

Meist sind es aber die Trainer und Funktionäre, die sich mühen das Thema auf eine sachliche Ebene zu bringen. Simunic’ Chef Dieter Hoeneß zum Beispiel, oder der Meister der sachlichen Statements, Thomas Schaaf. In der oben erwähnten ZDF Sportreportage machte er klar, dass die Experten nicht erst bei Problemen in Anspruch genommen werden, sondern bereits zuvor, um erst gar keine größeren Probleme aufkommen zu lassen. Dass es darum geht, sich selbst zu stärken.

Auch wenn jeder Profi seine kognitiven Fähigkeiten trainiert, wird es noch Verlierer geben. Schließlich gibt es auch in jedem Zweikampf einen Verlierer, obwohl jeder Profi Zweikampfverhalten trainiert. Das Niveau zu heben ist das Ziel.
Das sollte doch eigentlich jeder verstehen können.

Link:
In ‚ZEIT Wissen’ gab es vor einiger Zeit einen Beitrag zum Thema Sportpsychologie.