Die Annan-Story

… müsste eigentlich „Die Zeitungen-Story“ heißen, denn es geht um ein starkes Stück Qualitätsjournalismus. Aber dann weiß ja niemand was gemeint ist.

Vor nunmehr 10 Tagen tauchte die Meldung vom dummen Anthony Annan auf, den man auf seinem Weg nach Sevilla, bei einem Abstecher nach Deutschland, bei Schalke 04 ablud, und der sich nun, im Nachhinein, im norwegischen Onlineportal futbol darüber beschwerte.

Für mein Gefühl klang das alles eine Spur zu doof. Und gerade dann, wenn die erste deutsche Meldung von einer Webseite stammt, deren Beiträge hauptsächlich aus der Wiedergabe von Gerüchten bestehen, suche ich gerne mal nach der Originalmeldung. In diesem Fall war das schwierig, „futbol“ war nicht zu finden. Norwegische Texte fand ich dennoch, mir wurde geholfen. Die Übersetzungen mittels „Google Übersetzer“ verstärkten meine Zweifel, waren aber nicht eindeutig genug, als dass ich darauf basierend argumentieren wollte. Aber Schalker sind viele, und es gibt für alle Fälle einen Experten …

Uwe Englert ist Fan und Präsident der „Isar-Schalker“. Er hat Sprachen studiert, unter anderem in Norwegen, und arbeitet heute als Übersetzer aus den skandinavischen Sprachen. Im Schalke-Forum bei westline.de hat er zu diesem Thema einen Beitrag verfasst, den ich an dieser Stelle wiedergeben darf.

– – – – – schnipp– – – – –

Das Portal fussballtransfers.com, das als erstes die Nachricht in Deutschland streute, beruft sich, wie später alle Abschreibenden, auf einen norwegischen Online-Dienst namens „Fotbal“. Den gibt es, zumindest in dieser Schreibweise, aber definitiv nicht, da diese gar nicht der norwegischen Orthographie entspricht. Es gibt eine Seite http://www.fotball.no (also mit Doppelkonsonant), die vom norwegischen Fußballverband betrieben wird, aber die hatten seit ewigen Zeiten nichts über Annan auf ihrer Seite. Daneben existiert noch http://www.fotballmagasinet.no, ein norwegisches Online-Portal zum Thema Fußball. Aber auch dort findet man kein Interview mit Anthony Annan, sondern als aktuellsten Beitrag lediglich eine Meldung über den Wechsel nach Schalke.

Das Interview, aus dem nun verschiedene deutsche Medien – angefangen eben bei fussballtransfers.com – vermeintlich zitieren, wurde von der Online-Redaktion der Tageszeitung „Adresseavisen“ geführt. Die Zeitung erscheint in Trondheim, wo das Interview auch am Flughafen zustande kam. Das Interview wurde zigfach in norwegischen Zeitungen (Print und online, z.B. auch Aftenposten) wiedergegeben; als Autor wurde immer Simen Waagsether genannt, ein Redakteur der Adresseavisen.

Nun zum Ablauf der Geschehnisse. Hier zunächst das Original der Passage, die für Aufregung gesorgt hat:

Det var veldig vanskelig at agenter og folk rundt meg snakket om Sevilla hele veien. Jeg trodde at jeg ikke skulle komme meg av gårde når Sevilla til slutt sa nei. Men, jeg ble positivt overrasket når jeg måtte kaste meg på flyet til Tyskland like før vinduet stengte, sier Annan […]

In meiner Übersetzung lautet die Passage so:

Es war schon schwierig, dass Berater und Leute um mich herum die ganze Zeit immer nur von Sevilla sprachen. Ich rechnete schon gar nicht mehr damit, hier [also in Trondheim] wegzukommen, als Sevilla schließlich nein sagte. Aber ich war dann positiv überrascht [!], als ich mich kurz vor dem Ende der Transferperiode ins Flugzeug nach Deutschland setzen sollte, sagt Annan […]

Interessant daran ist es, dass hier Annan selbst seine „Enttäuschung“, nicht gegen Messi und Ronaldo spielen zu können, kontextualisiert. Sein Umfeld habe ihm immer mit Sevilla in den Ohren gelegen, dann kam kurzfristig alles ganz anders. Daraus machte fussballtransfers.com folgenden Text:

„Ich war schon überrascht, als ich kurz vor Transferschluss ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt wurde“, erklärt Anthony Annan im Gespräch mit dem norwegischen ‚fotbal‘. Der Ghanaer dachte ursprünglich, man werde nur einen kurzen Abstecher in die Bundesrepublik machen. Dass er zu Schalke 04 und nicht (wie von ihm erhofft) zum FC Sevilla wechseln sollte, teilte man dem 24-Jährigen offenbar erst unterwegs mit.

Der Kontext (Gerede über Sevilla) fehlt völlig. Er war hier nur „überrascht“ (nicht „positiv überrascht“), was eine negative Note bekommt. Verstärkt noch dadurch, dass er hier als total fremdbestimmt erscheint, als ein Mann, der nicht mal wusste, wohin die Reise geht. Das steht nicht im norwegischen Original.

Dann nimmt die Sache ihren Lauf. Nicht unerwartet springt Bild darauf an:

Jetzt enttarnt sich […] Anthony Annan (für 2 Mio von Rosenborg Trondheim geholt) als Fußball-Söldner, der viel lieber woanders angeheuert hätte […] Im Gespräch mit dem norwegischen „Fotbal“-Magazin erklärt der Ghana-Star offen: „Ich war schon überrascht, als ich kurz vor Transferschluss ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt wurde.“ Denn Annan hoffte, zum FC Sevilla zu wechseln.

Das Ganze steht unter der Überschrift „Neuer Wirbel: Annan wollte gar nicht nach Schalke!“ Das ist falsch – siehe die Aussagen des Spielers im Original („positiv überrascht“).

Kurz darauf meldet sich dann auch die Morgenpost aus Hamburg und setzte noch einen drauf:

Annan: „Wollte nicht zu Schalke. Verdiene hier zu wenig“ Miese Ergebnisse, miese Stimmung bei den Fans, der Vorwurf einer verfehlten Einkaufspolitik und jetzt auch noch das: Schalke-Neuzugang Anthony Annan verkündet in einem Interview, das er gar nicht zu den „Königsblauen“ wechseln wollte. „Ich war schon überrascht, als ich kurz vor Transferschluss ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt wurde“, sagte der ghanaische Nationalspieler dem norwegischen Internetportal „fotbal“.

Hier also wird schon im direkten Zitat [!] behauptet, dass Annan nicht zu Schalke wollte – und ein Grund wird auch gefunden („Verdiene hier zu wenig“).

Vorläufiger Tiefpunkt ist dann ein Kommentar von Reinhard Schüssler (WAZ, DerWesten) unter der Überschrift „Annan und das Missverständnis“.

Zeitgenossen, die mit dem Begriff des Fußball-Söldners bisher noch nicht so viel anzufangen wussten, kann jetzt mit einem wunderbaren Beispiel weitergeholfen werden.
[…]
Annans Beispiel wirft ein bezeichnendes Licht auf das unter Felix Magath auf Schalke verursachte Wechsel-Chaos. Nicht auszuschließen, dass ja auch der Trainer eines Tages, wenn sein Engagement bei den Königsblauen unter der Rubrik „Missverständnis“ abgehakt ist, gesteht: „Ich wollte eigentlich zum FC Barcelona.“ Oder doch eher zu Red Bull Leipzig?

– – – – – schnapp– – – – –

Es hätte keiner Recherche bedurft, um sich vor einer Falschmeldung zu schützen. Eine einfache Google-Suche nach eben dem Originalinterview hätte Zweifel aufkommen lassen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine Geschichte, die derart gut zu aktuellen Klischees passt, eben stimmen soll, dass es als Kollateralschaden hingenommen wird, wenn ein Spieler danach unberechtigt als Idiot dasteht.

Übrigens: Als ich „futbol“ letzte Woche nicht finden konnte freute ich mich über die freundliche Einladung zur Nachfrage bei fussballtransfers.com. Unter „Kontakt“ steht dort, dass mir die Redaktion für Informationen, Kommentare und mögliche Kritik gerne zur Verfügung stehen würde, und dass ich nicht zögern sollte, sie zu kontaktieren. Ich zögerte nicht, schrieb gleich am 9. eine Mail. Eine Antwort habe ich bis heute nicht bekommen.

Update, 21.02.2011

Die Redaktion der Seite fussballtransfers.com hat reagiert. Nein, nicht auf meine Mail, und natürlich erst recht nicht durch eine Klarstellung. Dafür wurden nun am ursprünglichen Text zwei Wörter verändert. Statt wie vor 13 Tagen und oben zitiert lautet die Passage nun wie folgt (Hervorhebungen durch mich):

„Ich war positiv überrascht, als ich kurz vor Transferschluss ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt wurde“, erklärt Anthony Annan im Gespräch mit dem norwegischen ‚fvn.fotbal‘. Der Ghanaer dachte ursprünglich, man werde nur einen kurzen Abstecher in die Bundesrepublik machen. Dass er zu Schalke 04 und nicht (wie von ihm erhofft) zum FC Sevilla wechseln sollte, teilte man dem 24-Jährigen offenbar erst unterwegs mit.

Aus dem einfachen „schon“ wurde das wichtigere „positiv“ und aus dem unauffindbaren „fotbal“ wurde „fvn.fotbal“. Eine Seite fvn.no gibt es tatsächlich, dabei handelt es sich um die Webseite der Zeitung „Fædrelandsvennen“. Das zweite l des norwegischen Wortes fotball und die richtige Reihenfolge missgönnt man der Quellenangabe allerdings weiterhin. Korrekt müsste es fotball.fvn.no heißen, der entsprechende Text ist hier zu finden. Er ist inhaltlich identisch mit dem von uns oben als „Original“ verlinkten Text der „Aftenposten“.