Fußballlust

Ich habe die Ablösesummen aller Zu- und Abgänge der Bundesligisten addiert und gegenübergestellt. Sowas macht heute transfermarkt.de. Ich habe die Titel der einzelnen Clubs gezählt, ihre Stadien verglichen. Heute ist man mit Wikipedia gut bedient. Ich habe gezählt, wer wie viele Ausländer hat, welche Nationen dabei besonders beliebt sind, ich habe Spielergrößen und -gewichte verglichen, mir die Mannschaftsbilder angeschaut. Alles das finde ich heute im Netz. Heute brauche ich kein Kicker-Sonderheft mehr. Ich glaube, mein letztes zahlte ich noch in D-Mark. Aber für meinen Sohn, der zwar mit dem Internet aufwächst, dessen Welt aber noch vielmehr sinnlich denn digital daher kommt, ist ein Kicker-Sonderheft ein Schatz. Ein großes Glück für ihn, dass der Zahnfee sein rechter Schneidezahl die neue Ausgabe wert war.

Und so fiel er selbstverständlich zu allererst über die Stecktabelle her. Zwei Klebepunkte, an zwei Plätzen müsse man die Schlitze mit einem Messer lösen, so stand es immer geschrieben, erinnerte ich mich. Heute hat die Tabelle drei Ligen und es klebt entsprechend mehr. Wir haben die Schlitze dennoch gelöst bekommen und mein Sohn begann sofort zu sortierten. Zunächst nach Sympathie. Dann überlegte er es sich noch mal und sortierte nach Abschlusstabelle der letzten Saison. Ich saß dabei, wollte auch … ließ ihn aber doch selbst machen und Frau Wielands Blicke über mich ergehen. Frau Wieland versteht solcherlei nicht.

Der Sohn hat gleich mit den beiliegenden Aufklebern aller Clubs einen Ligabetrieb aufgebaut. Er hat Bundesliga-Sammelkarten mit Spielerwerten für Angriff und Abwehr auf sein Tipp-Kick-Feld verteilt und Tore auf ein DIN-A4-Blatt notiert. Er hat’s mir erklärt. Ich hab’s nicht verstanden. Aber verstanden habe ich die Akribie.
Wie einst auch ich wird er sich demnächst zur Sportschau die Mannschaftsfotos im Heft ansehen. Er wird die vielen Daten entdecken, wird sich über die Namen der Amateurclubs amüsieren, bei denen die Stars einst spielten. Und wenn er Vereinsnamen wie „TuRa 88“ oder „Viktoria Buchholz“ entdeckt, wir er spüren, dass sein normales Leben die Basis für die große Show ist. Die Expertenmeinungen sind unwichtig. Die Wappen zu vergleichen ist viel interessanter. Sich dem gleichen Thema immer wieder neu, auf viele unterschiedliche Arten und Weisen zu nähern, das macht es aus. Ob analog oder digital, ob mit Excel oder Bleistift, ob mit 7 oder mit 38: Wenn man zu genießen weiß wird es nie besser oder schlechter, nur anders.