Die Sache mit den Pfiffen

Samstag gab es auf Schalke Pfiffe. Wieder mal. In der ersten Halbzeit, auf offener Szene, wegen Schalkes Spiel. Bereits in der Pressekonferenz vor der Begegnung sagte Augsburg-Trainer Markus Weinzierl, dass man wisse, dass das Schalker Publikum schnell unruhig würde, wenn ein Gegner lange genug defensiv gut stünde, und dass man das nutzen wolle. Nach dem Spiel sagte Benedikt Höwedes, dass es schade sei, dass das Publikum pfeife wenn „man mal hintenrum“ spiele. Journalisten benutzen regelmäßig die Formulierung vom verwöhnten Publikum auf Schalke.

Im Spiel gegen Augsburg musste Schalke dringend siegen. Nach Roter Karte war der Gegner früh zu zehnt und Schalke spielte nicht „mal“, sondern offensichtlich bewusst und ausdauernd „hintenrum“. Es war eine geeignete Spielweise, die Mannschaft hatte am Ende damit Erfolg. Taktik-Fans sagten, man habe den Gegner „geduldig bespielt“. Aber auf den Rängen der Arena auf Schalke sitzen oder stehen vor allem Menschen, denen die Differenzierungen taktischer Maßnahmen während der 90 entscheidenden Minuten am Arsch vorbei gehen. Nicht weil sie dafür zu dumm wären, sondern weil es nicht ihr Job ist. Schalkes Publikum, wenn man die Menge der Vielen mal unbedingt als eins betrachten will, ist wie es sein soll, und wie alles an und um diesen Club ist es extrem.

Die Pfiffe auf Schalke sind das Abfallprodukt einer sehr erwünschten Hochemotionalität. „Wo Emotionen zu Hause sind“ ist ein Werbespruch auf der Webseite zum Schalker Stadion. Dafür wurde dieses Ding gebaut. Nun hat man die Leute da so sitzen und weiß es nicht so recht zu nutzen. Immer dann, wenn Schalkes Spieler oder Trainer von „geduldigem Spiel“ reden, rollen sich dem Schreiber dieser Zeilen jedenfalls die Fußnägel hoch. Weil er weiß, dass das wieder nicht zusammenpassen wird, Spielweise und Heimvorteil, und weil er sich wundert, dass das von den Profis nicht beachtet, vielleicht gar nicht erkannt wird.

Es gibt nie nur eine geeignete Spielweise. Gute Taktik geht auch mit Tempo, dazu ist nicht zwingend ein „hintenrum“ notwendig. Schalkes Publikum will nicht pfeifen. Es will stehen, es will singen, den Gegner niederbrüllen, feiern: Seine Mannschaft als Ganzes, einzelne Helden, auch sich selbst als wild und laut. Es braucht nicht viel um es zu vereinen und hinter die Mannschaft zu bringen. Manchmal reicht ein Foul eines Gegners oder eine üble Schiedsrichterentscheidung. Am Besten geht es aber durch die Art und Weise, wie die eigene Mannschaft auftritt. Die emotionale Mischung auf den Rängen dieses Stadions ist immer hochexplosiv. Der Funke muss aber auf dem Platz gezündet werden. Dann geht die Druckwelle in die richtige Richtung und sorgt für einen großartigen Schub namens Heimvorteil.