Darum pfeife ich nicht gegen Manuel Neuer

Samstag geht’s für die Blauen gegen Bayern München – und damit auch gegen Manuel Neuer. Bei seinem ersten Auftritt im Trikot der Münchener auf Schalke schlug ihm blanker Hass entgegen. Mittlerweile schlagen die Wogen nicht mehr ganz so hoch. Die Pfiffe der immer noch Enttäuschten werden ihn trotzdem erwarten.

Manuel Neuers Wechsel war für viele Schalker besonders schlimm, weil er ein besonderer Spieler war. Besonders jung, als er auf Schalke zu spielen anfing. Besonders gut, wenn er fast im Alleingang für Schalke Spiele entschied. Vor allem aber, weil er sich öffentlich als der Fan seines Vereins präsentierte, der er von klein auf war. Der aus der Kurve, der nun auf dem Platz stand. Eben gleichzeitig nicht nur einer der Profis, sondern auch „einer von uns“.

Damit, wie sich Manuel Neuer als Schalker präsentierte, schuf er selbst die Anspruchshaltung der Fans an seine Treue. Als er letztlich doch nach München wechselte war es allerdings nicht nur der Wechsel an sich, der die Fans rasend machte, sondern auch die Art und Weise, wie dieser Wechsel präsentiert wurde. Man fühlte sich für dumm verkauft, als sich Manuel Neuer tränenreich erklärte, als es hieß er sei kürzlich über das Interesse des FC Bayern informiert worden, wo doch die Gerüchte seit Monaten übers Berger Feld schwirrten. All das wirkte wie ganz schlechtes Theater, wirkte unehrlich, und führte deshalb letztlich nachvollziehbar zu den heftigen Reaktionen der Schalker Fans gegen Manuel Neuer, bei dessen ersten Auftritten als Spieler des FC Bayern auf Schalke.

Für mich persönlich bedeutete der Neuer-Wechsel eine Zäsur. Er hat mich ernüchtert. Ich schaffe es nicht mehr, darauf zu hoffen, dass mit Max Meyer, Leon Goretzka und Leroy Sané das Gerüst einer großen Schalker Mannschaft wächst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mich persönlich berühren wird, wenn sie eines Tages den Club verlassen. Eher im Gegenteil: Mittlerweile erachte ich die gute Arbeit der „Knappenschmiede“ als die einzige realistische Art und Weise für Schalke 04, von seinen nach wie vor hohen Verbindlichkeiten herunterzukommen. Dazu gehört nun mal das Verkaufen von selbstproduzierten Spielerwerten.
Dieser Realismus fühlt sich nicht immer gut an. Als Fan will man gewinnen, will man was erreichen, will man Hoffnung auf Verbesserung haben dürfen. Aber dieser Realismus passt besser zum Bundesligageschehen, in dem Spieler nun mal wechseln wollen, und in dem Schalke 04 zwar ein großer, aber eben kein so großer Club ist, dass es für die Talente nicht noch andere Herausforderungen geben würde.

Auf dieser sachlichen Ebene habe ich auch mit Neuers Wechsel längst meinen Frieden gemacht. Er hat sich zu einer Marke entwickelt, gilt als bester Torwart der Welt. Das hätte er auf der dafür zu kleinen Bühne Schalke 04 nicht erreichen können. Den Blauen brachte er im Gegenzug so viel Geld ein, wie in dieser Liga noch nie ein Torhüter einbrachte.
Manuel Neuer hat in der öffentlichen Darstellung bei seinem Wechsel viel falsch gemacht. Julian Draxler machte alles anders, gab sich stets betont nüchtern, äußerte sich öffentlich bis zuletzt überhaupt nicht zu Wechselgerüchten und wurde dafür auch hart kritisiert. Vielleicht geht es gar nicht „korrekt“, vielleicht ist den großen Talenten des eigenen Clubs ein Wechsel innerhalb der Liga nicht möglich, ohne den Zorn der Fans abzubekommen.

Auch Samstag wird Manuel Neuer ausgepfiffen werden. Er wird sich dran gewöhnt haben. Ich mich auch. Mitpfeifen werde ich nicht.



Foto: Tomek Bo