„The most poetic sports broadcaster of all time“

Hi, everybody, and a very pleasant good afternoon to you, wherever you may be.
Es ist Zeit für Schalke 04. #Glückauf

Ich mag Twitter und bin dort recht aktiv. Unter Schalkern ist es durchaus üblich, kurz vor dem Anpfiff von Spielen der Blauen noch ein flottes „Glückauf“ in seine Twitter-Timeline zu senden. Sei es um den anderen zu bedeuten, dass man nun live dabei ist, oder um das Glück zu beschwören. Seit Mitte der letzten Saison nutze ich die oben dargestellte, etwas ausführlichere Variante. Es sind die Worte Vin Scullys, des Broadcasters der Los Angeles Dodgers, der seit Jahrzehnten mit dem Ausruf „It’s Time For Dodger Baseball!“ und eben diesen Worten die Radio und Fernsehübertragungen seines Clubs einleitet. Kommenden Sonntag wird es dies zum letzten Mal so tun. Nach 67 Jahren beendet er seine Karriere.

Beim Fußball in Deutschland gibt es keine clubeigenen Liveübertragungen von Spielen. Die Sender stellen sich den Clubs gegenüber als neutral dar. Wir erwarten von den Kommentatoren eine gewisse Überparteilichkeit und ärgern uns, wenn wir den Kommentar als für unser Team zu schlecht erachten. Auch im Baseball in den USA gibt es landesweit übertragene Spiele mit neutralen Kommentatoren. Die überragend größere Anzahl an Liveübertragungen findet aber durch vertraglich an die einzelnen Clubs gebundene Lokalsender statt. Die dabei übertragenden Kommentatoren gehören nicht zu den Sendern, sondern zu den Clubs. Und wenn ein anderer Sender für die Übertragungen mehr bietet und ein neuer Vertrag zustande kommt, wechseln die Kommentatoren mit dem Club zum neuen Sender.

Vincent Edward „Vin“ Scully ist 88 Jahre alt. Er begann 1950 damit, die Spiele der damaligen Brooklyn Dodgers im Radio und im Fernsehen zu kommentieren. Er begleitete die Dodgers, als diese 1955 mit Jackie Robinson, dem ersten Farbigen im amerikanischen Profisport, die World Series gewannen. Er begleitete die Dodgers, als diese 1958 von Brooklyn nach Los Angeles, Kalifornien umzogen. Er wurde die „Stimme der Dodgers“ und die „Stimme LA’s“ und blieb es bis heute.

Aber es ist nicht die Dauer seiner Tätigkeit, die Vin Scully besonders macht. Es ist seine Art, die Spiele zu begleiten. Bei TV-Übertragungen ist es üblich, dass zwei Kommentatoren als Team arbeiten. Vin Scully arbeitet stets alleine. Vin Scully kommentiert auch nicht nur für die TV Zuschauer, er kommentiert im „simulcast“, das heißt dass seine Stimme sowohl im TV, als auch in der Radio Übertragung zu hören ist. Entsprechend muss er stets das Spiel beschreiben und kann sich nicht darauf verlassen, dass die Bilder den Zuschauern den Stand der Dinge erklären.

Nun mögen sich hierzulande viele nicht mit Baseball auskennen und glauben, dass in diesem Sport eh nicht viel passiert, dass es da wenig zu beschreiben gäbe. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das Duell zwischen Werfer und Schlagmann ist eine ständige Pokerpartie, bei der jeder Wurf wichtig ist und erwähnt werden muss. Das zu beschreiben fesselt den Kommentator ans Geschehen. Trotzdem ist Vin Scully aber vor allem für seine Geschichten berühmt, die er „um die Spielbeschreibung herum“ zu erzählen versteht wie niemand zuvor und wohl auch niemand nach ihm.

Die Los Angeles Times nannte ihn den „most poetic sports broadcaster of all time“. Vin Scully spricht schöne Sätze. Vin Scully behandelt stets jeden Protagonisten mit Respekt. Vin Scully sagt die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

Vor 5 Tagen wurde José Fernandez aus dem Leben gerissen. Der Pitcher der Miami Marlins war 24 Jahre jung und kam bei einem Bootsunfall zu Tode. In allen Stadien der US-amerikanischen Baseball Profiliga gab es Trauerbekundungen, alle Baseballfans im Land waren schockiert. Beim Spiel der Dodgers thematisierte auch Vin Scully den jungen Werfer. In seiner Art schwärmte er von dessen Können und schloss mit der kleinen Geschichte, dass José Fernandez vor einem Jahr bei Twitter einen Tweet abgesetzte, in dem er die Frage schrieb: „Wenn Du ein Buch mit der Story Deines Lebens bekommst, würdest Du das Ende lesen?“ Ein typisches Scully-Ding. Klein, leise. Aber den richtigen Ton und das richtige Gefühl zu Situation treffend.

Es sind liebevolle kleinen Geschichten zu Baseballmenschen, die es nirgends zu lesen gibt, die während der Spiele von Vin Scully erzählt werden. Einmal philosophierte er während eines Innings über die Geschichte der Bartmode. Einmal erzählte er, wie das Leben Mike Mathenys, des Managers der St. Louis Cardinals, dadurch verändert wurde, dass ihm ein Vogel auf den Kopf gekackt hat. Er, der jeden in diesem Sport kennt, der zu jedem eine Geschichte weiß. Und über den andersrum auch jeder im Baseball eine Geschichte erzählen kann, weil jeder ihm über die Jahre irgendwann begegnete. In einem großartigen Online-Stück hat ESPN solche Geschichten über ihn gesammelt und veröffentlicht.

Am vergangenen Sonntag hatte Vin Scully zum letzten Mal ein Heimspiel der Los Angeles Dodgers kommentiert. Als wäre ein Drehbuch dazu geschrieben worden konnte das Team in diesem Spiel den Einzug in die Playoffs klarmachen und den Divisionstitel feiern, durch einen Homerun im 10. Inning, der „Verlängerung“, sozusagen. Ich saß bis 2 Uhr nachts vor dem Fernseher und mochte mich nicht lösen.

Am kommenden Sonntag, dem 2. Oktober, wird Vin Scully das letzte Saisonspiel der Dodgers bei den San Francisco Giants kommentieren. Er hatte früh erklärt, dass er keine Playoff-Spiele mehr übertragen wird, dass dieses letzte Dodgers-Spiel der regulären Saison gegen die Giants sein letztes Spiel sein wird. Und es wäre nicht Vin Scully, wenn es dazu keine Geschichte gäbe.

Vin wuchst in New York auf. Als er 8 Jahre alt war kam er an einem Laden vorbei in dessen Schaufenster das Ergebnis des World Series Spiels an diesem Tag dargestellt wurde: New York Yankees 14, New York Giants 4. Zunächst hatte er etwas Mitleid mit den Giants, aber dieses Ereignis war sein erstes kleines Baseball-Erlebnis, aus dem seine Liebe zum Spiel wurde. Seine Schule war 20 Blocks vom Polo Ground entfernt, dem damaligen Stadion der New York Giants. Als Schüler durfte er umsonst ins Stadion, er begann damit dies montags bis freitags zu tun und wurde großer Fan der Giants. Das besagte World Series Spiel fand am 2. Oktober 1936 statt.

Sein letztes Spiel als Broadcaster wird also exakt 80 Jahre nach diesem ersten Baseballerlebnis stattfinden. Ein Spiel zwischen den Giants, die einst von New York nach San Francisco umzogen und die seine ersten Liebe waren, und seinem Leben, den Dodgers.

Mir ist jetzt schon ganz schwummerig, wenn ich drüber nachdenke.

Foto: Floatjon