Man begehrt, was man (noch nicht) sieht

Man begehrt, was man sieht, sagt Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“. Unter Schalkern ist es anders. Schalker begehren, was sie nicht sehen. Der Kader, mit dem Schalke 04 gestern bei Union Berlin antrat (1:1), könnte einen Vorgeschmack darauf gegeben haben, was passiert, wenn Hoffnung und Realität aufeinanderprallen.

Es ist der entscheidende Tipp an Agent Starling. Er bringt die FBI-Agentin auf die Spur des serienmordenden Buffalo Bill, der sein erstes Opfer in seiner Nachbarschaft fand. Man beginnt zu begehren, was man jeden Tag sieht, aber selbst nicht hat. So erklären mache „Beziehungsexperten“ auch gerne entstehende Liebe am Arbeitsplatz.

Mit der Liebe ist das so eine Sache, auch mit der zum Fußballclub. Wenn es beim FC Schalke 04 nicht rund läuft, etwa so wie derzeit und wie immer wieder mal, seit ich den Club schreibend begleite, stößt man regelmäßig auf das Phänomen, dass Fans genau das zu begehren beginnen, gar zu fordern, was sie gerade nicht sehen. Ahmed Kutucu zum Beispiel, der vielen Fans nach deren Gefühl vom Trainer vorenthalten wird. Auch immer wieder zu hören ist, Schalkes Mannschaft sei so schlecht, dass man unbedingt viel mehr Spieler aus Schalkes U19 aufstellen solle. Damit könne man Werte schaffen, und schlechter könne das Spiel der Blauen schließlich kaum werden. Als kürzlich der kicker ein Portrait zu Onur Cinel veröffentlichte – ein 35-jähriger Trainer in Diensten des FC Schalke 04, der erste Erfahrungen als Assistent von Norbert Elgert und als U23-Trainer sammeln durfte – gab es einige Fans, die prompt David Wagner durch diesen jungen Mann ersetzen wollten.

In Unbekanntes lassen sich viel leichter Hoffnungen legen als in die Verbesserung von dem, was man kennt und was man für sich bereits als nicht gut bewertet hat. Und es wäre ja auch zu schön, hätte der Lieblingsclub einen unendlichen Fundus an bundesligatauglichen Jugendlichen! Letztlich bleibt das aber Träumerei. Sowas gibt es nicht. Nirgends.

Die U19 des FC Schalke 04 wurde in den vergangen 15 Jahren dreimal Deutscher A-Jugend Meister. Die Kader der Meisterjahre umfassten insgesamt 83 Spieler. Davon schafften es zehn Jungs auf Erstliganiveau. Alle 10 bekamen ihre Chance im Profikader des FC Schalke 04.
Aus dem letzten Meisterjahrgang 2015 spielen heute lediglich Thilo Kehrer und Leroy Sané auf höchstem Level. Beide brachten Schalke 04 einen Haufen Geld ein. Spieler wie Joshua Bitter, Hendrik Lohmar oder Fabian Reese waren damals Stützen des Teams. Heute spielt Bitter in der dritten Liga für den MSV Duisburg, Lohmar kämpft in der vierten Liga um Einsatzchancen und Fabian Reese versucht sich beim Zweitligisten Holstein Kiel zu etablieren. Auch wenn Norbert Elgert am Spielfeldrand seine Spieler grundsätzlich mit „MÄNNER“ anbrüllt: Der Sprung von Jugend zu Männer ist groß. Wie sich Todibo gegen Werder Bremen den Ball abnehmen ließ und wie ihn Miranda gegen Union Berlin verlor, hat was mit Selbstüberschätzung und Unerfahrenheit zu tun. Todibo wechselte mit der Erfahrung von 325 Einsatzminuten auf Erstliganiveau zu Schalke 04, bei Miranda waren es 315.

Alle Spieler im Kader des FC Schalke 04 sind hochgradig talentiert und haben sich in ihrer Karriere auf verschiedenen Leveln immer wieder gegen Konkurrenten durchgesetzt. Im besten Fall baut der Trainer eines Erstligaclubs unerfahrene Talente in ein Gerüst aus erfahrenen Spielern ein. David Wagner hat diese Chance gerade nicht. Unter der Voraussetzung, Spieler wie Jonjoe Kenny und Ozan Kabak bereits als erfahren abzuhaken, musste er Juan Miranda und Rabbi Matondo einsetzen, weil er schlicht keine Alternativen mehr zur Verfügung hatte. Auf Wagners Bank saßen sieben Jungs, die gemeinsam ein Durchschnittsalter von 20,56 Jahren aufwiesen. Der älteste war dabei Timo Becker, dessen Erfahrungen hauptsächlich auf Einsätze in der Regionalliga West beruhen.

Mit Nastasic, Stambouli, Mascarell, Serdar, Harit und Burgstaller fehlt Schalkes Trainer aktuell ein gesamtes Gerüst eines passablen Erstligateams verletzungsbedingt. Dass er diese Spieler gerne alle zur Verfügung hätte, ist selbstredend. Dass Schalke offensichtlich die Verträge von Daniel Caligiuri, Wagners zuverlässigstem Spieler und aktuellen Kapitän, und Benjamin Stambouli, den vielseitig einsetzbaren Kapitän-Stellvertreter, nicht verlängern will, lässt erahnen, dass Wagner in der nächsten Saison eher weniger denn mehr Erfahrung im Kader haben wird. Mit über 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten trifft Schalke die Coronakrise besonders hart. Sportvorstand Jochen Schneider wird haushalten müssen, mehr denn je, wird auf Überraschungen aus seiner neu formierten Scoutingabteilung hoffen und seinen Short-Term Schalke-Weg fortsetzen müssen.

David Wagner wird weiterhin Talente als festen Bestandteil seines Teams einplanen müssen. Dazu wird auch Ahmed Kutucu gehören, für den es aktuell keinen besseren Club als den FC Schalke 04 geben könnte. Hoffen wir, dass er in 5 Jahren zu den Spielern gehört, die es konstant auf Erstliganiveau gebracht haben. Schalke 04 ist darauf angewiesen.


2 Gedanken zu “Man begehrt, was man (noch nicht) sieht

  1. Top-Einschätzung, die ich zu 1904% teile!
    Sehr gut analysiert und treffend begründet!

  2. Wieso hat Schalke immer noch 200 Millionen Miese. Da kommt selbst der österreichsiche Getränkehersteller mit seinem 135-Millionen-Minus nicht mit. Ertrag der letzten 15 Jahre: 1 Pokalsieg. Na immerhin. Konstanten seit 15 Jahren: Tönnes und die Schulden. Durchschnittplatzierung der letzten 5 Saisons einschließlich der laufenden: Platz 8. In derselben Zeit 3 Vorstandsvorsitzende, 5 Trainer.
    Schwer zu verstehen.

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