Kampfeslust & Wagnerfrust

Schalke erkämpft mit dem „letzten Aufgebot“ einen Punkt gegen Leverkusen. Ein Spiel, das mitzufiebern anbot, das so Spaß machte. Gleichzeitig sah man, warum Ahmed Kutucu nicht schon immer spielt. Außerdem gerät Trainer David Wagner mehr und mehr in ungutes Fahrwasser, was den Teil Öffentlichkeitsarbeit an seinem Job angeht.

Endlich lieferte Schalke wieder Unterhaltung. Wer mochte, konnte eine Elfmeterentscheidung diskutieren. Man konnte sich über unfaire Leverkusener aufregen, die aus der üblicherweise gelassenen Situation des Zurückspielens des Balles nach einer Verletzungsunterbrechung einen Vorteil erzielen wollten. Man konnte sich auch darüber ärgern, dass Schalke gleich zwei Großchancen vergab und per Eigentor den möglichen Sieg verschenkte. Das alles ist viel mehr, als Schalke in den letzten Wochen an Unterhaltung anbot.

Man konnte sich an einem tollen Auftritt des U19-Spielers Can Bozdogan erfreuen und Nassim Boujellabs Spiel gut finden. Gleichzeitig konnte man am Beispiel Ahmed Kutucus allerdings auch sehen, warum Schalke seine Talente dosiert einsetzt und nicht stets mit fünf 20-Jährigen aufläuft.
Ahmed Kutucu ist in Schalkes Gruppe an Talenten am weitesten. Der mit den meisten Einsätzen. Der mit den meisten guten Auftritten. Vielen Fans reicht das nicht. Wenn es einen Grund gibt, sich über einen Stürmer der Blauen zu ärgern, wird nach Ahmed Kutucu gerufen. Der sei viel besser. Der hätte längst verdient, regelmäßig zu spielen.

Gestern spielte Kutucu von Beginn an und bot eine Leistung, die ebenso kritisiert werden konnte wie die schwachen Leistungen anderer Stürmer in den letzten Wochen. Er vergab eine Großchance, funktionierte im Zusammenspiel nicht gut und hatte wiederholt Probleme bei der Ballannahme, nach Zuspielen in einer gewissen Geschwindigkeit. Der Eindruck muss nicht nachhalten. Dieser Auftritt wird seine Karriere nicht beenden. Er wird die nächste Chance bekommen. Er wird sich durchsetzen, wenn sein Talent und sein Wille reichen. Als Fan könnte man den Auftritt aber als Anlass nehmen, von der Überhöhung Ahmed Kutucus abzulassen und dem Trainer bei der Einschätzung seiner Spieler etwas mehr Vertrauen zu schenken.

Überhaupt kann Trainer David Wagner bei der Aufstellung aktuell wenig falsch machen, weil er kaum Auswahlmöglichkeiten hat. Mit Raman, Burgstaller, Matondo, Harit, Serdar, Mascarell, Stambouli, Sané, Nastasic und Todibo fehlte ihm gegen Leverkusen nahezu die komplette, vor der Saison als Team geplante Profi-Mannschaft. Sehr pragmatisch versucht er, für sein Team Möglichkeiten zu finden, zum Erfolg zu kommen. Gegen Werder Bremen war dem zuzuschauen fürchterlich, gegen Leverkusen machte es Spaß. Er hat vollkommen recht, wenn er auf die Schwierigkeiten hinweist, mit denen er zu kämpfen hat; er benennt klar die Fakten. Er sollte trotzdem damit aufhören.

Man will das einfach nicht hören! David Wagner gerät mehr und mehr in den Jammer- und Verteidigungsmodus, den Schalker von Jens Keller und André Breitenreiter kennen. Kein Fan und letztlich auch kein Vorgesetzter will von einem Entscheider hören, warum was nicht geht. Man will hören, wie was gehen könnte! Selbst wenn es dann nicht klappt, geht es in Sachen Öffentlichkeitsarbeit stets um die Aussicht auf Besseres. Des Trainers Interviews sollten Argumente liefern, weshalb man seinem Team auch nach 13 Spielen ohne Sieg gegen Frankfurt zuschauen sollte. Was dabei Gutes rauskommen kann. Was den Club weiterbringt. Statements, warum so viel dumm gelaufen ist, und dass die nächsten Spiele quasi eh egal sind, weil niemand mehr auf die Tabelle schaut, sind für Fans unerträglich und für den Protagonisten selbst sehr schlecht. Hoffnungslosigkeit führt im Profifußball stets zur Trainerentlassung.

Foto: Tomek Bo


12 Gedanken zu “Kampfeslust & Wagnerfrust

  1. Analyse wie immer treffend, dennoch ein Nachsatz zu Kutucu. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er die bessere Alternative ist. Nicht dass er jedesmal von Anfang spielt, wurde gefordert, sondern dass er überhaupt endlich mal von Anfang an spielt, nachdem ihm inzwischen jeder andere mehrfach vorgezogen wurde…. und er bringt einfach einen riesigen Einsatz, ist unangenehm und kämpferisch. Das unterscheidet ihn z.B. vom trägen Gregoritsch, der auch diesmal als Einwechselspieler keine Impulse brachte.

  2. Auch von mir: Treffende Analyse, jedoch fällt es mir schwer, in einem Punkt zuzustimmen: Wagner wird immer wieder gefragt, „woran es liegt“ und da ist es legitim und notwendig, auf die gestern ZEHN verletzten Stammspieler hinzuweisen.
    Allerdings, und dies wird hier nicht bewertet, wird er auch nicht müde zu betonen, dass er nach Lösungen sucht und nicht nach Entschuldigungen.
    In diesem Punkt trifft der Kommentar meine Meinung nicht.

  3. Eine Mannschaft die richtig Spaß gemacht hat und man gerne vor dem Bildschirm mitgefiebert hat. Ein Trainer der die Ruhe bewahrt hat und mit einer besseren U19 Leverkusen Paroli geboten hat. Das sollten alle Nörgler erstmal besser machen. Zu Stambouli kann ich nur sagen, ein Gesicht das für Schalke unersetzbar ist und mit dem man schleunigst verlängern sollte.

  4. Schaut man sich die Spieldaten im Kicker an, so fällt signifikant auf, dass die Laufleistung mit 120 km deutlich höher gegenüber LEV und den anderen Spielen zuvor gewesen ist, das bedeutet zwar nicht zwingend eine spielerisch bessere Qualität, aber die Äußerungen zuletzt von Wagner lassen darauf schließen, dass den Spielern nicht gelungen ist, in Eigenregie selbstverantwortlich zu arbeiten. Ich denke man wird in der Saisonanalyse schauen, wer sich, wie ein „Profi“ verhalten hat.

  5. Klar ist zumindest, dass wir mit dieser Mannschaft(sleistung) gegen Düsseldorf, Augsburg und Bremen mehr als Null Punkte geholt hätten. David Wagner wirkte nach dem Corona-Restart hilflos und überfordert. Aber die wahren Probleme von Schalke liegen aktuell nicht auf dem Platz…

  6. Ich finde das nicht so klar. Kusen will den Ball haben und ein Spiel aufziehen. Mit gutem Pressing und Aggressivität lässt sich da einiges an Verunsicherung erreichen. Deshalb sah das gestern gut aus.

    Weniger spielstarke Gegner pöhlen den Ball im Zweifel hoch nach vorne, und versuchen den zweiten Ball zu gewinnen. Plötzlich sieht das aus wie immer: Schalke mit Ball am Fuß, weiß damit nichts anzufangen, wird selbst hoch gepresst, macht Fehler.

    Ma’kucken, wie es gegen Frankfurt läuft.

  7. Hatten wir nicht gegen Bremen und Düsseldorf die gleiche Taktik? Die Ballbesitzanteile waren doch zumindest ähnlich. Gegen Frankfurt fürchte ich um die Kraft. Das hat schon Körner gekostet gestern und am Ende hatten einige mit Krämpfen zu kämpfen. Aber wie du sagst: Ma’kucken. Vorteil der aktuellen Tabellensituation: Wir können uns das entspannt ansehen.

  8. Ich hadere etwas damit, dass man das internationale Geschäft schon abschreibt. Mit etwas Glück kann man doch noch auf Platz 6 rutschen. Wolfsburg spielt gegen Gladbach und die Bayern und auf Schalke, kann also durchaus bei 46 Zählern hängenbleiben. Ein weiteres Jahr ohne Einnahmen aus dem internationalen Geschäft übersteht Schalke nicht.
    Weiß denn jemand, warum der Vertrag mit Caliguri nicht verlängert wird ?

  9. @Spreeschalker
    Das Glück wäre bereits diesmal benötigt worden – um nicht den Ausgleich zu bekommen oder mit der letzten Aktion ein Tor zu schießen und einen Rückstand von 5 Punkten zu erreichen. Um jetzt 7 Punkte und 18 Tore aufzuholen, müsste Schalke alles gewinnen, Wolfsburg alles verlieren und Hoffenheim und Freiburg müssten gehörig patzen. Ein paar „wenn“s zuviel, fürchte ich.

  10. Nein, Herr Ney. Es würde reichen, 4 Punkte aufzuholen. Da Leverkusen und München im Pokalfinale stehen, und beide bereits für den europäischen Wettbewerb qualifiziert sind, reicht Platz 7. Dabei spielt Hoffenheim noch gegen Dortmund und Freiburg noch gegen München. Dazu spielt Schalke am letzten Spieltag gegen Freiburg. Da kann man schomma hochrechnen …

    Alleine: Schalke hat seit 13 Spielen nicht gewonnen, und mir fehlt der Glaube, dass sie das nun dreimal in Folge schaffen können.

  11. Ganz ehrlich? Was wollen wir in Europa? Geld verdienen? Dafür aber dreifach Belastung, Reisestrapazen und wegen Corona nicht mal ein geordneter Zeitplan. Wenn schon qualifizieren, dann auf jeden Fall Platz 6. Platz 7 mit Quali will doch wirklich keiner.

    Allein wenn ich lese, dass Wolfsburg die Europa League im Sommer zu Ende spielt und sich durch den Turniersieg (ja, unwahrscheinlich) für die CL qualifizieren kann, aber durch Platz 7 in der Bundesliga parallel in der EL Quali ran müsste.

    In den vergangenen Jahren lief es meistens so, dass wir ohne dreifach Belastung, in der Liga deutlich besser abgeschnitten haben, weil der Kader in der Breite einfach nicht gut genug ist um in jedem Wettbewerb gut abzuschneiden. So war es vor 2 Jahre mit der Vizemeisterschaft unter Tedesco (nach Platz 10), so war es vor 10 Jahren bei der Vizemeisterschaft unter Magath (nach Platz 8) und so war es in dieser Hinrunde (nach Platz 14) auch eindeutig. Aber die Rückrunde zeigt, wie auch schon die gesamte letzte Saison, dass der Kader zwischendurch deutlich über seiner Leistung abliefert und dann einbricht.
    Klar, wir brauchen Geld, aber für das Ansehen des Vereins ist eine Blamage in Europa auch nicht gut. Das führt später auch zu weniger Einnahmen. Der Kader gibt eine dreifache Belastung meines Erachtens nicht her und Verstärkungen werden wir kaum bekommen. Wir können hoffen, dass wir einfach mal ein paar Glücksgriffe bei den Spielern bekommen, die günstig sind und wirklich konstant Leistung abliefern und darüberhinaus nicht verletzt sein werden. Dann ist evtl. nächste Saison was möglich. Aber dazu fehlt mir nach der Talfahrt in den letzten 5 Jahren einfach der Glaube. Wir haben wirklich konstant an Personal abgebaut und im Prinzip ist keiner der Neuzugänge länger als eine Halbserie konstant gewesen. Danach entweder Formtief oder Verletzung.

    Wir müssen bedenken, dass der ganze Terminkalender auf den Kopf gestellt wird. Zwar sind die Spieler ab Ende des Monats „im Urlaub“, aber normalerweise beginnt Anfang Juli bereits die Vorbereitung zur neuen Saison. Ich glaube nicht, dass sich alle Termine um bis zu 6 Wochen verschieben lassen.
    Zum Glück gibt es wohl morgen Entscheidungen über mögliche terminliche Abstimmungen.

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