Doch (noch) nicht der Nächste?

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider möchte mit Trainer David Wagner in die nächste Saison starten. Das ist fair gegenüber dem Trainer. Er kann am wenigsten dafür, dass Schalke 04 immer weiter abstürzt. Wenn Schalke aber keinen guten Fußball verkaufen kann, muss es Hoffnung verkaufen. Dass das ohne Trainerwechsel funktionieren kann, ist schwer zu glauben.

Schalke ist ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie. Fußball soll die Leute ins Stadion locken oder den Fernseher einschalten lassen. Fußball soll Zeitschriften verkaufen und auf Webseiten Klicks generieren. Der Fan ist dem Club am besten so treu, dass er gerade dann diese Treue betont, wenn die Show auf dem Rasen schlecht ist.

Das funktioniert, weil Fußballclubs ihre Fans, Zuschauer, Kunden emotional binden. Würde Netflix soviel Mist abliefern wie Schalke auf dem Fußballrasen, gäbe es Netflix längst nicht mehr. Beim Fußball hingegen findet man immer einen, der schon „viel Schlimmeres miterlebt“ hat. Man hat immer Erinnerungen an tolle Momente, die man als persönliche Siege erlebte. Man hat stets die Hoffnung, dass es wieder besser wird, aufwärts geht.

Das ist einer der Gründe, warum Clubs wie Schalke 04 so häufig ihre Trainer wechseln. Damit Fans ihre Hoffnung an den neuen Mann knüpfen können. Hoffnung, für die sie ins Stadion gehen, für die sie den Fernseher einschalten, Zeitschriften kaufen, Webseiten lesen. Das wird auch ein Argument dafür sein, weshalb Schalkes nächster vom übernächsten Trainer abgelöst werden wird. So läuft das Geschäft in der Unterhaltungsindustrie eben.

Ausgerechnet jetzt, wo es Schalke auf allen Ebenen schlecht geht, soll das anders laufen?

Sportliche Erfolge gibt es nicht mehr zu feiern. Der Vorstand des FC Schalke 04 hat keine Ahnung, welche Werte der Club vertreten sollte, und stellt sich in der Kommunikation mit seinen Fans und Mitgliedern wiederholt selbst bloß. Der allmächtige Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies belastet das Ansehen des FC Schalke 04 mit Skandalen um rassistische Aussagen und verheerenden Zuständen in seiner Fleischfabrik zusätzlich.

Schalke 04 ist der von der Corona-Situation am härtesten getroffene Club. Jochen Schneider wird für die kommende Saison nicht mehr Geld zur Verfügung haben. Aktuell kann Schalke keine bundesligataugliche Mannschaft auf den Platz stellen. Man muss zusätzlich damit umgehen, dass hochbezahlte Profis zurück in den Kader rücken, die man verlieh, aussortierte, für die man keine nennenswerten Ablösesummen mehr erzielen kann. Schneiders Short-Term-Strategie war und ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Die aktuelle Saison zeigte aber, dass internationale Talente wie Juan Miranda und Jean-Clair Todibo zunächst auch nur Talente sind; denen man Fehler zugestehen muss, von denen man keine konstanten Leistungen erwarten kann, die den Kader eher ergänzen als verstärken. Auch das Leihgeschäft um Michael Gregoritsch brachte das Team nicht nach vorne.

An alledem trägt David Wagner wenig Schuld. Und Jochen Schneider hat recht, wenn er sagt, Wagner hätte den Fußball spielen lassen, den man sehen wolle, als er zu Saisonbeginn einen Kader mit allen Leistungsträgern zur Verfügung hatte. Hält Schneider tatsächlich an Wagner fest, gebührt ihm meines Erachtens großer Respekt für Standhaftigkeit und Mut! Aber das Risiko ist groß.

Des Sportvorstands Gebete, dass sich in der kommenden Saison keine Leistungsträger verletzen mögen, wird Fans, Medien und Sponsoren als Aussicht nicht reichen. Wenn Schalke mit Wagner das erste Heimspiel der kommenden Saison verliert, vielleicht vor Zuschauern, wird sich bei Fans der Frust dieser Rückrunde Bahn brechen, wird es Kritik von allen Seiten hageln. Dann geht es nicht mehr um den Fußball bei Wagners Start und nicht um die Verletzten der Rückrunde. Dann ist David Wagner bloß noch der Trainer, der die meisten Spiele in Folge keinen Sieg einfahren konnte und Jochen Schneider der Mann, der den Absturz nicht stoppen kann.

Fotos: Tomek Bo


10 Gedanken zu “Doch (noch) nicht der Nächste?

  1. Eine sehr gute Analyse!

    Ich denke aber, dass der Blick nur auf das erste Heimspiel der Saison zu kurz gesprungen ist.
    Ein kleines Zwischenfazit nach 5 Spielen, ein größeres Fazit nach 10 Spielen ist fair.
    Wenn nach 10 Spielen dann die Reißleine gezogen werden müsste, hat der neue Trainer ausreichend Zeit den Abstieg zu verhindern.

    Das Argument „aber der neue Trainer hat den Kader nicht zusammengestellt“ ist in diesem Fall obsolet, da es keine signifikanten Neuzugänge geben wird und damit das vorhandene „Spielermaterial“ für Wagner und ggf. neuen Trainer identisch ist, also gleiche Ausgangsvoraussetzungen vorhanden sind.

    Es ist aber selbst in diesen Zeiten legitim, positiv in die Zukunft zu schauen, denn mit Mascarell, Serdar, McKennie, Harrit und Kabak stehen schon gute Fußballer auf dem Platz, mit Mascarell sogar eine Leitfigur, die mit Spielern wie Sane, Stambouli (bitte verlängern) und Oczipka ergänzt werden.
    => fast alle dieser wichtigen Rahmenspieler stehen oder standen langfristig nicht zur Verfügung!

    Auf diesem Rahmen aufbauend sollten dann die neuen Talente integriert werden und die Erwartungshaltung „gemanaged“ werden , also mit dem Ziel Platz 6-10 ins Rennen zu gehen.

    Glück auf!

  2. „Schalke 04 ist der von der Corona-Situation am härtesten getroffene Club.“

    Woran machst Du das fest? Diese Aussage kann ich nicht wirklich nachvollziehen.

  3. @Ostwestf4le:

    Neben dem Fußball betreibt S04 das Stadion als Konzert- und Veranstaltungslocation. Auch auf diesem Zweig ist durch Corona alles ausgefallen. Einnahmen, die im Gesamtkonzern eingeplant waren.

    Viele Clubs sind in ihren Stadien Mieter. Schalke unterhält nicht nur das Stadion, sondern betreibt auch die Catering-Gesellschaft selbst. Auch hier geht der Ausfall also zu Lasten des Clubs und nicht zu Lasten einer Fremdfirma.

    Schalke ist also dreifach belastet, als Fußballclub, als Eventlocation und als „Kneipier“.

  4. Im Großen und Ganzen einverstanden mit der Analyse. Wenn aber Schalke in den ersten drei Spielen der neuen Saison nicht ausreichend punktet, dann hat Wagner zu wenig Kredit, als dass er das überstehen könnte.

    Seit langem hatten wir keine herausragende Trainerpersönlichkeit mehr, bei allen Tugenden, die Keller, di Matteo (ok, der eher nicht), Breitenreiter, Weinzierl, Tedesco und Wagner aufzuweisen hatten bzw. haben. Ich würde gerne mal sehen, wie sich Schalke unter einem aus der Qualitätsstufe Klopp, Tuchel oder Favre machen würde. Aber welcher Trainer auf dem Niveau fände Schalke attraktiv…

  5. Ich denke, deswegen (= um die Hoffnung bei den Fans wieder wachzurufen und an die sehr gute Hinrunde zu erinnern) wird es nach dem letzten Spieltag die Fehler-Analyse-Pressekonferenz geben. Ich wäre sehr dafür, an Wagner festzuhalten – eben um aus diesem Rad der ewigen neuen Trainerwechsel, die immer neue Spieler und Spielideen mit sich bringen, auszubrechen. Wagner war Schneiders Wunschkandidat und mir fällt eigentlich auch niemand ein, der es besser machen könnte (Kovac fänd ich toll, aber ich weiß nicht, ob der sich Schalke antun will). Ich muss auch ehrlich sagen, dass die Saison angesichts der Umstände ganz glimpflich abgelaufen ist. Schalke gibts immer noch in der Bundesliga – das sah vor ein paar Monaten noch nicht so eindeutig aus. Der Blick geht in Zukunft aber erstmal nach unten. Je eher Klub und Umfeld das kapieren, desto besser – ein Seitenblick nach Hamburg, Bremen und Stuttgart genügt, um zu realisieren, was passiert, wenn man sich per se für systemrelevant und europacupreif hält. Wie du geschrieben hast, Torsten, wird der Kader nächstes Jahr nicht unbedingt besser. Ein Trainerwechsel wäre v.a. teuer und ich vertraue Schneider, dass er das dafür fällige Geld an anderer Stelle besser einzusetzen weiß. Ja, das ist eigentlich der Hauptgrund, warum ich gegen eine Trainerwechsel bin – weil ich Vertrauen in Schneider hab. Allerdings hatte ich auch großes Vertrauen in Heidel.

  6. Mir macht jetzt schon ein wenig Sorge, dass wir nach der Pause häufig das Wort „saisonübergreifend“ im Zusammenhang mit unserer Serie hören und lesen werden. Das könnte natürlich dann eine zusätzliche Hypothek für Management, Trainer und Kader darstellen. Hoffen wir deshalb auf drei Punkte gegen Freiburg.

  7. Moin Torsten,

    Schön wieder Beiträge von Dir zu lesen. Hatte ich wirklich sehr vermisst.

  8. Man kann ja in so ein Mannschaftsgefüge nicht so reinschauen und auf Grund der größeren räumlichen Distanz zum Ruhrgebiet (ca. 270 km) ist es für mich noch schwerer als wenn man direkt vor Ort wäre, aber was mich fassungslos zurücklässt ist das Auftreten der jeweiligen 11, die auf den Platz stehen. Das wirkt alles so mut- und willenlos. Und ich kann es mir nicht erklären.
    Bitte nicht falsch verstehen, ich komme auch gerne in die schönste Stadt vonne ganze Welt, wenn wir nur um Platz 11 spielen. Ich brauch keinen Europacup um glücklich zu sein. Es darf auch gerne spielerisch mal hapern, aber ich muss doch wenigstens Einsatz zeigen (und dann verliere ich auch gegen Ddorf, Augsburch und Premen nicht). Aber das funktioniert gerade so gar nicht. Was ich sehr schade finde.
    Ich bin mal auf die Analyse gespannt. Hoffentlich werden die richtigen Schlüsse gezogen.
    Glück auf

  9. Zum Thema mut- und willenlos:

    Natürlich kann es sein, dass eine Mannschaft flotter die Köpfe hängen lässt, wenn die Erfolglosserie so lange andauert und man dann im Spiel „schon wieder so ein doofes Tor“ fängt.

    Aber grundsätzlich glaube ich, dass Spielweisen manchmal aggressiver und manchmal weniger aggressiv aussehen. Dass das aber nicht unbedingt mit fehlendem Willen, sondern mit den Umständen zu tun hat.

    Als Beispiel der Vergleich Leverkusen-Spiel zu Frankfurt-Spiel.

    Gegen Leverkusen hat Schalke sehr weit vorne gepresst, kam gut in die Zweikämpfe. Leverkusen hatte Probleme, verlor immer wieder Bälle. Die Leistung der Blauen wurde von den meisten Schalkern als kämpferisch und gut erachtet.

    Das nächste Spiel war Frankfurt. Deren Trainer Adi Hütter hatte sich das Leverkusen-Spiel angeschaut und sich überlegt, wie er dieser Wadenbeißer-Spielweise der Blauen begegnen kann. Er entschied sich dazu, den Ball noch im Bereich Mittellinie sehr häufig von links nach rechts und zurück zu spielen, das Spiel sehr breit zu machen, damit Schalke sich „totläuft“. Schalke rannte tatsächlich nur hinterher, kam überhaupt nicht in die Zweikämpfe. Durch das breite Spiel ergaben sich im Mittelfeld nach und nach immer größere Lücken, die Frankfurt gut bespielte. Ergebnis war eine hoch überlegene ersten Hälfte der Frankfurter. Der Eindruck vieler Schalker: Die gehen gar nicht richtig ran, „mut – und willenlos“.

    In der Halbzeit stellte Wagner das Mittelfeld um, zur Rautenformation, wodurch die Lücken besser abgedeckt waren. Gleichzeitig muss er den Jungs wohl auch gesagt haben, dass Foulspiel nun erstmal scheißegal sei, dass man dazwischen hacken soll. Schalke handelte sich mehrere Gelbe ein, Bozdogan ging mit Gelb/Rot vom Platz. Aber Schalke konnte in dieser zweiten Hälfte dagegenhalten. Der Eindruck vieler Schalker: Geht doch! Warum nicht gleich so? Warum kriegt Wagner das nicht früher hin?

    Wenn ich hier „Schalker“ so überspitzt darstelle, meine ich das nicht böse, und ich meine auch nicht Dich (Aphodius). Ich möchte nur versuchen, darzustellen, wie (Spiel-)Umstände zu Eindrücken führen.

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