Höhenangst

Ferien in Bayern. In Oberaudorf am Hocheck hat es 24 Grad, die Sonne scheint. Die Sesselbahn hat 4 Plätze. Sie trägt meine Familie gerade zum vierten oder fünften Mal rauf zur Mittelstation. Dorthin, wo die Sommerrodelbahn startet. Ich sitze derweil im Schatten und kann mich nicht leiden. Ich habe mich nicht in die Sesselbahn getraut.

Grundlage von Höhenangst ist sehr viel Misstrauen. Misstrauen in Technik. Misstrauen in Unbekanntes. Misstrauen in sich selbst.

Vor einer Sesselbahn stehend geht mir durch den Kopf, was alles passieren könnte. Natürlich habe ich keine Ahnung, wie oft gewartet wird, wie (un)wahrscheinlich Probleme sind. Aber in meinem Kopf reißen Stahlseile, fallen Motoren aus, muss ich von der Feuerwehr aus der stehenden Bahn geholt werden. Dann geht mir durch den Kopf, was ich alles falsch machen könnte. Das ist noch schlimmer als das Misstrauen in Technik; dass ich mir jederzeit zutraue, mich nicht sicher zu bewegen. Durch meine eigene Unsicherheit für mein eigenes Unheil zu sorgen. Mir selbst nicht zu vertrauen.

Ich kenne viele Leute mit Höhenangst. Viele gehen damit um, indem sie entscheiden, dass es nicht wichtig ist, und indem sie Situationen mit Höhen aus dem Weg gehen. Sie akzeptieren diese Seite an sich und sind mit sich im Reinen. Bei mir trifft Höhenangst auf ein schwaches Selbstwertgefühl und einen starken inneren Kritiker.

Ich schaffe es nicht, zu akzeptieren, dass ich mich Dinge nicht traue, an denen Fünfjährige Spaß haben. Ich leide darunter, mit mir selbst zu kämpfen, statt mit meiner Familie einen gelassenen Tag zu verbringen. Und weil ich auch schon oft erfahren konnte, dass es nur den einen mutigen Schritt braucht, der den Tag zum Guten entscheidet, verurteile ich mich erst recht selbst dafür, diesen Schritt, trotz des Wissens darum, einmal mehr nicht getan zu haben!

Seit Jahren gehe ich geplant gegen meine Höhenangst vor. Ich begebe mich bewusst in Situationen, in denen ich Höhe in Ruhe erlebe. In denen ich still sein kann. In denen ich Zeit habe, in der Situation verharren zu können, spüren und erfahren zu können, dass nichts schlimmes passiert.

Ich bin in Duisburg über Tiger and Turtle gelaufen. Ich habe mich in Bottrop weit oben auf den Tetraeder gesetzt. Ich bin Riesenrad gefahren, und Achterbahn. 2016 bin ich in Bayern in eine ebensolche Sesselbahn gestiegen, wie ich sie heute vorfand, und hatte einen tollen Tag mit meinen Kindern!

Aber nie war es einfach, nie selbstverständlich. Immer verengte sich Raum und Zeit um mich, je näher ich der Situation kam. Immer war und ist es so, dass zwei Seiten in mir kämpfen. Dass sich keine Seite durchsetzt, bis ich mich entscheiden muss, weil die Entscheidung JETZT ansteht. Dass ich mich getrieben fühle. Dass ich es durch diesen Stress nicht schaffe, in mich hineinzufühlen, dass ich es nicht schaffe, der Emotion Angst den klaren Blick entgegenzusetzen.

Und immer, wenn ich nicht mutig war, immer wenn ich mich gegen das Tun, das Mitmachen, das Aushalten entschieden habe, ging es mir danach schlecht. So wie heute. Statt dass ich sommerrodle, fährt mein innerer Kritiker mit mir Schlitten.

Er lässt kein gutes Haar an mir. Er verurteilt meine Feigheit. Er bemerkt, dass ich der ganzen Familie den Tag versaue; weil ich schon zuvor kaum an Konversation teilnahm, da ich mit meiner innerlichen Diskussion beschäftigt war, und weil sie nun meine schlechte Stimmung spüren. Spüren, dass ich auf jemanden sauer bin. Auf mich.

Der heutige Tag wird mir nachhängen. Weil ich so lange mit meiner Entscheidung hadern werde, bis ich wieder vor einer Sesselbahn stehe, bis ich die Chance habe, es besser zu machen. Das kommt in meinem Leben allerdings nur alle paar Jahre vor.