Die Krise, die sich Schalke 04 nicht leisten kann

Schalke 04 hat einen Trainerjob zu vergeben, der zu den schwierigsten im bezahlten Fußball gehören dürfte. Es fehlt dem Club an Geld, um seine Probleme anzugehen. Bei dem, was kommt, bleibt nur viel Hoffen.

Als Jochen Schneider mit David Wagner seinen ersten Trainer für Schalke 04 verpflichtete, war er derart von ihm überzeugt, dass er ihm gleich einen Drei-Jahres-Vertrag gab. Das war vor Corona und vor der rassistischen Rede Clemens Tönnies’, dem Anfang vom Ende des langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden auf Schalke. Eine Saison später, zum Zeitpunkt der Nachbetrachtung einer Spielzeit mit einer furchtbaren Rückrunde, war es ein anderer Club, dem Jochen Schneider vorstand. Ein Club, dessen Führung sich neu aufstellen muss. Ein Club mit nun sehr offenkundigen, großen finanziellen Problemen, die seine Handlungsfähigkeit einschränken. Ein Club mit einem angeschlagenen Trainer und einer entmutigten Mannschaft, nach 16 Spielen ohne Sieg in Folge.

Schneider reagierte vor allem mit Ruhe. Die Analyse, dass die schlechte Rückrunde vor allem von vielen Verletzungen geprägt war, dass seinem Trainer in einer Vielzahl der Spiele keine konkurrenzfähige Mannschaft zur Verfügung stand, war nicht von der Hand zu weisen. Dass David Wagner zu Beginn seiner Amtszeit das Feuer entfachen konnte, mit dem man eine Mannschaft auf Schalke agieren sehen möchte, war sein Anker für den Glauben, dass alles wieder gut werden könnte. Ein Glauben, den er auch deshalb gerne glauben wollte, weil er schlicht kein Geld für den nächsten Trainer ausgeben mochte, während er Wagner noch bis 2022 bezahlen muss.

Aber eine solche Rückrunde lässt sich nicht beiseite schieben. Und der Kader, mit dem Wagner in die neue Saison gehen musste, war auch nicht mehr der gleiche Kader, der mit ihm die gute Hinrunde im letzten Frühjahr spielte. Mit Fährmann, Rudy, Mendyl, Bentaleb und Uth sollte Wagner nun auf Spieler bauen, die er selbst im Vorjahr aussortierte oder die ihrerseits längst mit Schalke abgeschlossen hatten. Gleichzeitig waren Schneider und Kaderplaner Michael Reschke bislang nicht in der Lage, dem Trainer einen Profi-Rechtsverteidiger zur Verfügung zu stellen. Hinzu kam, dass David Wagner im Umgang mit den ihm zur Verfügung stehenden jungen Talenten den Fehler machte, ihnen in der Endphase der katastrophalen Rückrunde wiederholt die Wettbewerbsfähigkeit abzusprechen, statt sie zu unterstützen und starkzureden. Das alles waren letztlich zu viele Probleme, als dass Wagner nochmal hätte erfolgreich sein können.

Gleichzeitig sind das so viele Probleme, dass auch der nächste Trainer damit große Schwierigkeiten haben wird. Denn dass Schalke ja „eigentlich“ einen guten Kader beisammen hätte, wie es gerade häufig zu hören und zu lesen ist, dass es also letztlich nur am Trainer liegen müsse, ist eben nicht richtig. Schalke hat einen Haufen Einzelspieler beisammen, die für sich durchaus Qualitäten haben. Aber Schalke hat eben kein Team, keine Mannschaft.

Schalke müsste sich aus dem Haufen einen Kader aus einigen erfahrenen Spielern und Knappenschmiede-Talenten zusammenstellen, der bei Null anfängt. Schalke müsste die überzähligen Spieler loswerden, um Unruhen und Störfeuer so gut wie möglich auszuschließen. Dazu bräuchte Schalke einen Trainer mit Erfahrung und einer daraus resultierenden natürlichen Autorität, dem Spieler sofort zu folgen gewillt sind. Aber Schalke 04 hat kein Geld, um diese Konjunktive in Indikative umformulieren zu können.

Schalke hat weder Geld für einen erprobten und erfahrenen Trainer, noch kann sich der Club wirklich leisten, Spieler auszusortieren und damit deren Werte zu reduzieren. Erst recht hat Schalke kein Geld, um einem neuen Mann Wünsche zu erfüllen, den Kader noch entscheidend zu gestalten, bis zum Ende des Transferfensters am 5. Oktober.

Jochen Schneider wird deshalb ein nächstes Trainertalent aus dem Hut zaubern und es mit viel Hoffen in die Kabine schicken. Auf dass dem Neuanfang ein Zauber innewohnen mag, der dem Club zumindest genug Punkte zum Klassenerhalt beschert. Die weiteren Hoffnungen gelten einer Neubeschäftigung Wagners in einem anderen Club, um zumindest Teile dessen Gehalts zu sparen, und einer Rückkehr von Zuschauern in die Arena, um wieder mehr Einnahmen zu generieren. Tatsächlich bleibt nur, zu hoffen. Dies ist eine Krise, die Schalke nicht mit Einsatz von Geld resetten kann; die Schalke härter erwischt als jede andere in den letzten 20 Jahren.


8 Gedanken zu “Die Krise, die sich Schalke 04 nicht leisten kann

  1. Glück auf! 🔵⚪️

    Wie so oft, treffend analysiert.

    Mein Lösungsvorschlag (auch hoffend):

    Kabak an Liverpool abgeben, Ralf Rangnick überzeugen, Kola zurückholen, einen Rechtsverteidiger verpflichten und Rudy/Bentaleb abgeben.

    Dann die Jungen involvieren und die Klasse halten.

    … und das in etwas mehr als einer Woche 😏.

    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber sie stirbt.

    Blau-weiße Grüße
    Klaus

  2. @Klaus Schluckmann: Klasse halten in etwas mehr in einer Woche? Knifflig :)
    Rangnick hat hier noch nicht fertig, dem traue ich auch so einiges zu. Is halt blöd, wenn man sich nur den Co-Trainer vom OSC Bremerhaven leisten kann.

  3. Schneider, der für mich als Marionette von CT zu diesem Posten (Sportvorstand, also den wichtigsten im ganzen Verein!) gekommen ist, kommt mir viel zu gut weg. Schon in Leipzig hat er keine gute Arbeit geleistet, erst nach ihm hat sich dort der Erfolg wieder eingestellt.
    Und vor allem hat Schneider alles mitgetragen, was DW gemacht oder auch was noch CT entschieden hat. Er hat DW vor keinem einzigen eklatanten Fehler (Torwartfrage/Nübel, Rückkehr von Rudy, Bentaleb u.a.) bewahrt. Zudem hat er in der Causa Tönnies ein denkbar schlechtes Bild angegeben, letztendlich die Fans kritisiert für ihren Protest beim Pokalspiel und nicht CT.

    Schneider wird jetzt wahrscheinlich versuchen möglichst schnell einen Trainer a la Baum o.Ä. zu präsentieren, um vollendete Tatsachen zu schaffen, sich selbst aus der Schusslinie zu bringen und letztendlich seinen Job zu sichern. Einen Trainer also ohne Standing, den er dann auch wieder locker entlassen und überleben kann.

    Die Frage ist, ob der Aufsichtsrat das mitmacht. Ich befürchte ja. Der hat ja bisher immer nur alles von CT abgesegnet und wahrscheinlich nie gelernt eigene Entscheidungen zu entwickeln und zu treffen. Insbes. zum mit Abstand wichtigsten Posten auf Schalke, einem neuen Sportvorstand: Wilmots, Ebbe, Elgert, Rangnick, Raul wären aus meiner Sicht hervorragende Kandidaten. Alles übrigens Kandidaten nicht nur mit Stallgeruch oder Schalke-Erfahrung, sondern auch mit Standing. Und Kandidaten, die (zurecht!) nur als Vorstandsmitglied einen Posten auf Schalke übernehmen und nie unter einem Schneider arbeiten würden und sich übrigens auch nicht von einem CT hätten missbrauchen lassen.

    Man kann nur hoffen, dass der Aufsichtsrat heute keinen Schnellschuss von Schneider unkritisch akzeptiert und sich Zeit nimmt, um auch über eine Neubesetzung des Sportvorstandes nachzudenken, der dann auch den Trainer in Ruhe aussuchen muss. Ziel muss und kann es in dieser Saison ohnehin nur sein, den Klassenerhalt zu schaffen (das sollte auch mit einer Interimslösung möglich sein), aber perspektivisch einen Neuanfang für die kommende Saison anzustreben. Langfristig viel teurer würde es aus meiner Sicht, jetzt nicht die richtige perspektivische Entscheidung zu einem starken Sportvorstand zu treffen und letztendlich so weiter zu machen wie in den letzten Jahren.

  4. Ich hatte damit gerechnet, dass Schneider nach der Wagner-Entlassung unter Druck steht. Dass Rangnick den Druck jetzt über Bande noch erhöht, ist dann doch eine überraschende Pointe. Geduld wird der Sportvorstand mit einer Lösung wie Baum nicht erwarten können.

  5. Mal wieder wunderbar zusammengefasst, Torsten!

    @Schalker
    Ich verstehe den grassierenden Schneider-Hass nicht. Er ist erst etwas über ein Jahr da, und es war eine Zeit voller Probleme (Tedesco, Tönnies, Wagner, Corona). Dass Leipzig erst wieder erfolgreich war, seit dem er dort weg ist, halte ich für eine absurde Darstellung.

    Definitiv kann man aber wohl sagen, dass er große Probleme mit der Krisenkommunikation hat. Daraus aber zu schließen, dass er grundsätzlich keinen guten Job macht, halte ich für verfrüht!

  6. @ „Denn dass Schalke ja „eigentlich“ einen guten Kader beisammen hätte, wie es gerade häufig zu hören und zu lesen ist, dass es also letztlich nur am Trainer liegen müsse, ist eben nicht richtig.“
    – Eigentlich war ich anderer Meinung, aber ein Blick auf die Kaderwerte bei Transfermarkt.de zeigt Schalke tatsächlich auf nur noch auf Platz 10, dies einschließlich Rudy, Bentaleb, Mendyl, Uth.

    Vor der Saison 18/19 lag Schalke in dieser Wertung noch auf Platz 5. So geht’s ab.

  7. Solange Tönnies-Mann Schneider (in Leipzig hatte er eben kein Erfolg, keine Vorstandsverantwortung, und dort hat man ihn gerne – trotz Vertrag – zehen lassen) an seinem Vorstandsposten klebt und alles blockiert werden – neben Rangnick – noch mehr Kandidaten dieser Kategorie absagen, und das liegt dann nicht am Geld!

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