Schalkes Nächster: Manuel Baum

Der FC Schalke 04, die große alte Dramaqueen der Bundesliga, hat heute Manuel Baum als neuen Cheftrainer vorgestellt. Kein Mann von der großen Bühne, kein Name, der Schalkes Anhängerschaft von einer goldenen Zukunft träumen lässt. Vielleicht aber einer, der einen guten Job machen kann.

Manuel Baum ist Niederbayer und spricht entsprechend. Sein einziger Erstligajob vor Schalke war der Cheftrainerposten des FC Augsburg. Beides führt dazu, dass sich der geneigte Schalker sofort an Markus Weinzierl erinnert fühlt. Das sind keine guten Erinnerungen, Weinzierl war wohl der am wenigsten zu Schalke passende Trainer der letzten 20 Jahre.

Es sind auch keine guten Erinnerungen, die man an Manuel Baums Ende in Augsburg hat, als den FCA aus der Ferne verfolgender Fußballbeobachter. Zwei Monate vor Baums Rausschmiss stellte man dem Trainer mit Jens Lehmann einen vermeintlich „starken Co-Trainer“ an die Seite. Das, und auch der Umstand, dass sich Verteidiger Martin Hinteregger nach einem Spiel zu öffentlicher Kritik an seinem Trainer und dessen Vorgaben hinreißen ließ, erweckten einen so chaotischen Eindruck, wie ihn Schalker sonst nur bei ihrem eigenen Verein erwarten würden. Vielen Fans gilt er deshalb als bei Augsburg gescheitert. Was letztlich zu der Frage führt, die man in den letzten Tagen häufig von ob des regelmäßigen Tullus’ bei den Blauen genervten Schalkern hören konnte: „Wenn einer schon bei Augsburg nicht klar kommt, wie soll das dann auf Schalke klappen?“

Meine Antwort auf eine derart resignierte Herangehensweise lautet: Am Ende ist immer alles kappes. Wenn Anfang und Mitte gut sind und möglichst lange anhalten, ist schon viel gewonnen.

Manuel Baum war von Dezember 2016 bis April 2019 Cheftrainer in Augsburg – 845 Tage. Damit war er länger im Amt als jeder Schalke Trainer seit 2002, seit Huub Stevens’ Jahrhunderttraineramtszeit. Die durchschnittliche Verweildauer von Schalke-Trainern liegt seitdem bei 443 Tagen, wenn man Interims- und Noteinsätze außen vor lässt. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Schalke 04 nicht die Top-Adresse im Fußball ist, die man gerne wäre, zu der Klopp, Pep oder Mourinho unbedingt noch hin wollen, um wirklich alles erreicht zu haben; und wenn man erkennt, dass sich Endphasen von Fußballtrainern in ihren Clubs in der Regel eher schlecht darstellen, dass das durchaus normal ist und es deshalb zu quasi jedem für Schalke zu bekommenden Trainer Negatives zu erzählen gäbe; dann kann man in der Verpflichtung Manuel Baums auch Mutmachendes finden.

Baum hat Augsburgs Spiel seinerzeit besser und auch attraktiver gemacht. Er hat sein Team aus der Underdog-Rolle heraus entwickelt und mal ist damals auch gegen die Spitzenclubs der Liga mutig aufgetreten. In der Formation war er nie festgelegt, sondern variierte die Systeme.
Manuel Baum gilt als ein Trainer, der sich an den Stärken seiner Spieler orientiert. Er gilt weiterhin als Mann, der Jugendspieler weiterbringen und an die Bundesliga heranführen kann. Fähigkeiten, die auf Schalke gerade gefragt sind.

Von und zu Manuel Baum gibt es im Internet einiges zu finden. Lehrvideos zum Thema Fußballtaktik zum Beispiel, schon aus der Zeit, als er noch Chef-Jugendtrainer in Augsburg war. Bei YouTube lässt sich die Pressekonferenz eines Augsburg-Spiels nachschauen, einer Niederlage gegen Werder Bremen, bei der zu sehen ist, dass Baum durchaus klar kommunizieren kann. Vor allem möchte ich aber einen Podcast empfehlen: Im Mai gab Baum den Machern des Heimatsport-Podcasts ein gut halbstündiges Interview, in dem viel über seine Sicht auf Dinge wie Taktik, Führung und Förderung zu erfahren ist.

Aus der Reihe der Trainer, die in den letzten Tagen gerüchtweise als mögliche Kandidaten für den Job auf Schalke genannt wurden, hätte ich einige andere Manuel Baum vorziehen wollen. Seit sich allerdings Dienstag die Infos verdichteten, dass es auf Baum hinauslaufen würde, habe ich mich recht intensiv mit allem beschäftigt, was ich zu ihm finden konnte. Währenddessen gefiel mir die Idee Baum immer besser, habe ich immer mehr Lust auf den Start mit ihm bekommen. Mittlerweile finde ich’s spannend.

Wie gesagt, im Schnitt kamen die Nachjahrhunderttrainertrainer auf 443 Tage Amtszeit. David Wagner lag mit 454 Tagen schon über dem Schnitt, Tedesco kam auf 620 Tage. Die längste Schaffenszeit seit 2002 war Mirko Slomka vergönnt, er kam auf 830 Tage. Wo sich Manuel Baum einordnen wird? Ma’kucken …


7 Gedanken zu “Schalkes Nächster: Manuel Baum

  1. Danke für die schnelle Recherche – denn ich wusste/weiß nichts zu Baums Karriere. Dass es am Ende einer wurde, den man kaum kennt, ist doch nicht überraschend. Denn am meisten hat mich die Spekuliererei über Rangnick genervt – was für unrealistische Vorstellungen. Ein No-Name, das finde ich in der jetztigen Situation sogar richtig gut. Nichts wäre erhebender und für Schalke positiv, wenn ein unbekannter Baum erfolgreich arbeitete! Mir macht das jetzt mehr Mut als alle bekannteren Namen zusammen. Und es holt mich aus der krisenmüden Stimmung und macht mich hellwach!

  2. Ich kann diesmal die „spannende“ Erwartung keineswegs teilen. Ich kenne Manuel Baum nicht, habe ihn auch in Augsburg nicht wahrgenommen, aber es klingelten ein paar Glocken nach dem aufmerksamen Text von Torsten.
    Ich hatte die Gerüchte auch vernommen und mir vor allem 1,12 Punkte im Schnitt gemerkt.
    Ein unbekannter Trainer ist auf Schalke ja mal was ganz neues!
    Nach Breitenreiter, Weinzierl, Tedesco, Wagner also der nächste Azubi auf dem wichtigsten Posten im Verein.
    Da mir aber das Auftreten von David Wagner während der letzten 20 Spiele (inkl. Pokal und Vorbereitung) mächtig auf den Sack ging und die Außendarstellung von Schalke gefühlt jeden Monat schlechter wird und mir auch Corona den Spaß am Fußball genommen hat, bin ich ganz froh, dass es ein Manuel Baum geworden ist, der jetzt unseren Kader trainieren darf. So muss ich mir die nächsten Wochen den Sport gar nicht mehr geben.

    Damit will ich Herrn Baum nicht verurteilen, sondern nur meinen Frust über das los werden, was aus meinem Herzensverein geworden ist!

    Dennoch viel Glück, FC SCHALKE 04 und Manuel Baum

  3. Baum macht auf der PK einen reflektierten Eindruck, das ist positiv. Andererseits lasse ich mich seit di Matteo nicht mehr in Sachen Antritts-PK reinlegen.

    Unterm Strich sind die meisten Bundesliga-Trainer, die für Schalke inzwischen in Frage kommen, das Modell Gisdol: Stabilisierung, ein bisschen spielerische Entwicklung, dann Stagnation und nach maximal 18 Monaten Exit. Bei komplexer Druck-Konstellation unter Umständen sogar gar keine Entwicklung. Die Hoffnung ist, dass Baum etwas über diesem Qualitätsdurchschnitt liegt, also deinen berechneten Schalkertrainertage-Schnitt erhöht. Aber das hoffte man damals selbst bei Breitenreiter, und der kam von einem Absteiger.

    Weil sich Fußballgeschichte oft reimt, befürchte ich am Samstag ein 0:4, das aber zwei Tore zu hoch ausfällt. Mit dem Ergebnis hat Baum auch bei seinem letzten Spiel als Augsburg-Trainer gegen Nagelsmann verloren. Bin aber trotzdem optimistisch, dass Schalke bis Mitte November Anschluss ans Mittelfeld gefunden hat.

  4. Alles schön und gut und Baum hat natürlich eine Chance verdient.

    Und er ist vielleicht auch ein guter Trainer. Aber es ist zu befürchten, dass das eben wieder nicht reichen wird auf Schalke, wenn er alleine auf weiter Flur stehen und ihn keiner vor den schlimmsten schalkespezifischen Fehlern bewahren wird.

    Das größte Problem auf Schalke ist Sportvorstand Schneider, der von Tönnies als dessen Marionette installiert wurde. Schneider wird dem Trainer wieder so viele Freiheiten geben, wie er haben will (schon deshalb wahrscheinlich, weil Schneider selbst zu wenig Ahnung hat!?). Schneider wird den Trainer vor keinem einzigen Fehler bewahren, so wie bei Wagner. Aus gutem Grund hatte Schneider in Leipzig keine Vorstandsverantwortung und wurde – trotz Vertrag – an Schalke abgegeben.

    Seit Assauer gibt es leider keinen Sportvorstand mehr, der den Verein halbwegs kennt und einem Trainer auch sagen kann (und muss) wo es langgeht auf Schalke und den Trainer vor den schlimmsten Fehleinkäufen/Charakteren bewahrt. Auch ein Huub Stevens wäre übrigens ohne Assauer kläglich gescheitert wie alle Vorgänger von Baum.

    Alle wirklich dauerhaft erfolgreiche Vereine national (z.B. Bauern: Hoeneß,Rummenigge, BXB: Zorc, Watzke) und international haben auf Sportvorstandsebene, also auf Chefebene, nicht nur Fachleute, sondern auch Verantwortliche mit Stallgeruch, die ihren Verein und das Umfeld (Fans, Medien, Mentalität) sehr gut kennen und im besten Fall auch verkörpern und ihre Trainer vor den kapitalsten Fehlern bewahren können.

    So lange der Söldner auf Managerebne par excellence Jochen Schneider den Posten des Sportvorstands auf Schalke blockiert werden Leute wie Wilmots, Sand, Raul, Rangnick, Büskens, Elgert einen großen Bogen um den Schalker Profibereich machen und hier nie als sportlich Verantwortliche (Sportvorstand, Trainer u.a.) arbeiten (wollen). Und Schalke wird ohne Perspektive und Strategie so weiter machen wie bisher, und ein Trainer wird nach dem anderen verschlissen werden. Sorry, aber da muss man wirklich kein Prophet mehr sein um das vorauszusagen (ich würde mich sehr GErne eines Besseren belehren lassen, nichts lieber als das!).

  5. Zu Naldo hat Jochen Schneider gestern in der PK wörtlich gesagt: „Er steht wie kaum ein zweiter für Schalke. Er hat hier überragende Jahre erlebt … sein Werdegang auf Schalke hat uns dazu gebracht, uns für Naldo zu entscheiden…“

    Bei aller Sympathie für Naldo, der nicht einmal den Trainerschein hat (und mithin nicht als Co-Trainer arbeiten darf): Er hat exakt 60 Spiele für S04 absolviert und genau zwei Spielzeiten (u.a. 2017 mit dem 10. Platz) auf Schalke verbracht (und keinen Tag mehr, auch nicht als Zuschauer/Fan o.Ä.). Für einen Söldner auf Managerebne wie Schneider scheint das also schon überrragend viel zu sein…

  6. Einsamer Baum

    Der harte Same fiel auf dürre Heide,
    aus armem Boden sog er karge Kost
    und ward ein Baum im dünnen Nadelkleide,
    und seine derbe Haut ward braun wie Rost.

    Der Regen peitschte ihn mit dünnen Ruten
    und Hagel schoß wie Schrot ihm ins Gesicht;
    er dörrte in der Sonne Sommergluten
    und fröstelte im Wintermondeslicht.

    Es stürzte sich auf ihn die wilde Herde
    der Stürme und zerzauste sein Geäst, —
    er stieß die Wurzeln tiefer in die Erde
    und krallte sich mit tausend Fingern fest.

    Aus Not wuchs Kraft, aus Leiden blühte Segen, —
    er trug gelassen Einsamkeit und Qual,
    hielt stand des Schicksals schweren Hammerschlägen
    und wurde biegsam, fest und hart wie Stahl.

    Nun steht er reif und weise und vollendet,
    umkreist von Licht und Schatten, Sturm und Stern
    und in den Strom gefügt, der niemals endet
    im Wellengang von Blüte, Frucht und Kern.

    Ewald Swars

  7. @klopenner

    Ein unbekannter Trainer ist auf Schalke ja mal was ganz neues!
    Nach Breitenreiter, Weinzierl, Tedesco, Wagner also der nächste Azubi auf dem wichtigsten Posten im Verein.

    Ich finde, das wird dem Thema nicht gerecht.

    Zunächst gibt es da schon eine bemerkenswerte Entwicklung – zum „Schlechteren“, wenn man das so bewerten will. Denn Breitenreiter, Weinzierl und Tedesco waren noch Trainer, die woanders arbeiteten, und die Schalke dort geklaut hat. Wagner und Baum sind nun Trainer, die mehr oder weniger „frei“ waren, auch wenn Baum eine Anstellung beim DFB hatte.

    Mit den „Azubis“ ist es auch so eine Sache. Heutzutage sind erfahren Trainer ja nicht mehr „in“. Wenn jemand einen Labbadia oder Hecking eingestellt hat, galten diese meistens als schon gescheitert. Die meistens Fans träumen von der Nagelsmann-Nummer oder dem Klopp-Muster. Dass der eigene Club der erste große Verein für denjenigen sei, dieser dann der Überflieger ist und den Club in neue Sphären zaubert. Träumerei.

    @joha

    Das mit der Entwicklung bezogen auf den Trainerjob wird m.E. überbewertet. Des Trainers Job ist letztlich immer der kurzfriste Erfolg. Wenn es gelingt, davon möglichst viel aneinander zu reihen, macht das den Club erfolgreich, so dass man sich bessere Spieler leisten bzw. solche überhaupt bekommen kann. So entwickelt sich der Club insgesamt dann von einem Mittelfeld zu einem Europa League-/Champions League-Club. Aber wenn der Trainer 8 Mal hintereinander verliert, ist er trotzdem weg.

    @Schalker

    Seit Assauer gibt es leider keinen Sportvorstand mehr, der den Verein halbwegs kennt und einem Trainer auch sagen kann (und muss) wo es langgeht auf Schalke und den Trainer vor den schlimmsten Fehleinkäufen/Charakteren bewahrt. Auch ein Huub Stevens wäre übrigens ohne Assauer kläglich gescheitert wie alle Vorgänger von Baum.

    Meines Erachtens gehen die „schlimmesten Fehleinkäufe“ noch auf Heidels Kappe. Ich finde, dass Schneider einen ganz guten Job macht. Ich bin kein Fan des „Typen“, er ist mir zu dröge, den Part Kommunikation von seinem Aufgabenbereich macht er eher schlecht, finde ich. Aber ansonsten sehe ich die Schwierigkeiten, unter denen Schneider handeln muss, für die er nichts kann, und unter den Umständen ist das schon okay, was er tut. Klar, Wagner hätte er nach der Saison freistellen müssen. Aber gut, Fehler bezüglich Trainer machen leider alle immer wieder. Selbst Assauer hat ja Rangnick weggeekelt.

    Zum „Stallgeruch“: Wäre gut, wenn es das hier gäbe, finde ich auch. Aber Andi Müller ist gescheitert und Olaf Thon hatte es nicht drauf, in diese Ebene vorzustoßen. Irgendwelchen früheren Spielern diese Positionen anzutragen, obwohl die Qualifikation fehlt, nur auf Grund ihrer Club-Vergangenheit, würde den Club eher weiter runterziehen als nach oben bringen, davon bin ich überzeugt.

    Was das angeht müssen wir meines Erachtens auf ein Aufblühen einer anderen Clubkultur hoffen. Tönnies hat da viel zerstört, denke ich. Bis auf Weiteres muss das Know How weiter eingekauft werden, mit allen weniger gelungenen Nebeneffekten. Die Eingekauften als „Söldner“ mit abwertender Intention zu bezeichnen, finde ich ziemlich daneben.

    Ach ja, und Rangnick: Ich denke der wäre tatsächlich der falscheste und am wenigsten stallgeruchige Weg, den man sich für Schalke 04 vorstellen kann.

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