Gefühlvoll verloren

Kai Feldhaus ist Schalker und Journalist. Seit Samstag gibt es einen Text von ihm zu lesen, in dem er eine emotionale Entfernung von seinem Club beschreibt. Weil alles so schlecht sei, die Mannschaft, der Vorstand, der Trainer. Die Grundaussage des Textes lautet: „Ich fühle nichts mehr“.

Bei Schalkes gestriger 0:3 Niederlage gegen Leverkusen habe ich einmal mehr festgestellt, dass ich selbst weiterhin verdammt viel fühle. Dazu brauche ich noch nicht mal das ganz große Bild dieses Clubs FC Schalke 04 zu betrachten, das zweifellos auch auf meinen Blutdruck wirkt, das ich mir auch anders wünschen würde. Alleine das Geschehen auf dem Platz reicht, um mich anzutitschen.

Ich fühlte Zorn, als einmal mehr eine Schiedsrichterentscheidung dazu beitrug, meinen Club auf die Verliererstraße zu setzen. Als Leverkusens Aleksandar Dragovic den jungen Malick Thiaw derart bedrängte und schob, dass dieser im Fallen den Ball ins eigenen Tor beförderte, hätte das meines Erachtens abgepfiffen werden müssen. Dass solch eine Entscheidung vom „VAR“ überprüft wird und dennoch bestehen bleibt, lässt mich endgültig mit der Schiedsrichtergilde hadern. Mich beherrscht das Gefühl, dass „sowas“ auf anderer Seite anders entschieden wird.

Ich fühlte Hilflosigkeit, denn dass Leverkusen natürlich die bessere Mannschaft sein würde, dass für Schalke viel hätte zusammenkommen müssen, um in diesem Spiel zu punkten, war auch mir schon vor dem Anpfiff klar. Zu formschwach waren zuletzt wichtige Spieler wie Kabak oder Mascarell. Zu überraschend, und entsprechend nicht eingespielt, standen Oczipka und Stambouli in der Startaufstellung. Zu unklar war, was Michael Langer im Tor leisten können würde, der jahrelang in Bundesligakadern trainierte, aber nie spielte.

An Langer lang es nicht, dass Schalke auch dieses Spiel verlor. Leverkusen war in allen Belangen überlegen, weil sie einerseits eine individuell gut zusammengestellte Mannschaft auf den Platz bringen, und weil sie andererseits mit dem Selbstvertrauen eines regelmäßig gewinnenden Clubs agieren; weil Leverkusens Team also ziemlich genau das Gegenteil von Schalkers Mannschaft darstellt. Wenn die Verhältnisse so klar sind, Schalke dann letztlich aber doch so „einfach“ verliert, weil mal wieder ein Gegentor nach einer Ecke fällt und weil nicht mal ein Strafstoß zu einem Treffer reicht, dann lässt mich das bis zum nächsten Anstoß kopfschütteln.

Außerdem fühlte ich Solidarität mit Trainer Manuel Baum, der auf mich keineswegs planlos wirkt, der meines Erachtens bemerkenswert positiv und klar agiert und den Club auch vor den Mikrofonen der Journalisten gut vertritt. Baum kann nichts dafür, dass der Kader so schief zusammengestellt ist. Wie schwierig seine Aufgabe aktuell ist, macht ein Blick auf Schalkes Ersatzbank im gestrigen Spiel klar. Natürlich ist der Trainer einer verlierenden Mannschaft stets ein leichtes Angriffsziel. Für Fans darf das so sein. Ich hoffe, dass der Aufsichtsrat des Clubs die Dinge weniger simpel betrachtet.


Auswärtsspiel: Im Blog Halbfeldflanke von Karsten Jahn gibt es aktuell eine „Adventskalender-Aktion“. Dabei gibt es täglich Texte von verschiedenen Autoren zu deren „Lieblingsschalkern“ zu lesen. Ich durfte auch mitmachen. Einen wirklichen „Lieblingsschalker“ zu benennen fiel mir schwer, deshalb habe ich mein Törchen Peter Løvenkrands und dessen sehr heißen Phase in der Saison 2006/2007 gewidmet. Diese Geschichte und diese Personalie fasst den Club Schalke 04 sehr gut zusammen, finde ich. Den Text gibt es just ab heute hier zu lesen: „Tor 7: Peter Løvenkrands“

7 Gedanken zu “Gefühlvoll verloren

  1. Schöner Text, Torsten! Einerseits Pech, andererseits aber auch selbst schuld – keine Ahnung wie viele Tore Schalke schon nach Ecken bekommen hat. Da reicht es, wenn einer nicht aufpasst. Aber ich finde, vom Auftreten her war das ein anderes Spiel als noch gegen Wolfsburg. Von einer leblosen Mannschaft, der alles egal ist, würde ich im Gegensatz zu Kai Feldhaus ganz und gar nicht sprechen. Die Hoffnung bleibt, dass sich das irgendwann in Punkten auszahlt, dass irgendwann auch das Glück wiederkommt, das man auch braucht, um Spiele zu gewinnen.

  2. Danke, Torsten. Mir ging es ähnlich gestern. Die Geschichte mit den Fehlentscheidungen der Schiedsrichter erinnert mich fatal an die letzte Abstiegssaison des 1. FC Köln. Dieser Abstieg ging zu 50% auf Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zurück. Damals keimte in mir der Verdacht, dass die Wettmafia diesen Abstieg wollte und sich die Schlüsselpersonen dafür gleich gekauft hat. Wozu eine Mannschaft bestechen, wenn du mit ein paar Schiedsrichtern dasselbe erreichen kannst?
    Nein, ich hänge keinen Verschwörungstheorien an, und ich weiß auch, dass Schalke im Moment nicht gut genug ist. Aber andererseits habe ich mir vorher das Spiel Bremen-Stuttgart angeschaut, und diese beiden Mannschaften waren so viel schlechter als Schalke, dass mir die Haare zu Berge standen.
    Klar ist: unsere AV sind zu langsam, die Offensive zu mutlos und nicht zielstrebig genug. Angriffe werden immer wieder so lange verzögert, bis der Gegner sich neu sortiert hat. Und einen echten Knipser haben wir eh nicht. Aber wenn einer mit Selbstvertrauen zum Punkt geht, dann geht der Elfmeter rein, jede Wette.
    Ich finde, man sieht spielerische und mentale Verbesserungen unter Baum, und zwar sehr deutlich. Die Frage ist, ob Baum genug Zeit bleibt, mit seinen Verbesserungen den Dampfer wieder auf Kurs zu bringen.

  3. Sorry, aber der Dampfer hat inzwischen etwas „von der Titanic“ für mich.
    Den Ausgang dieser Geschichte kennt ja jeder ….

  4. Ich hoffe, dass die Lage in 12 Tagen etwas besser aussieht. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn sich Schalke diese Saison rettet, mit dieser kruden Truppe, diesem psychologischen und finanziellen Rucksack, dieser Zahl an Verletzten und diesem völlig fehlbesetzten Sportvorstand, dann ist das die größte Auferstehung seit Lazarus.

  5. Wie immer freue ich mich, Deine Berichte zu lesen.

    Ich möchte folgendes anmerken:

    Gestern haben wir gesehen, wie die Mannschaft tickt! Der seit Wochen schlechteste Schalker schiesst den Elfer!
    Oder musste ihn gar schießen?

    Wo waren Uth, Mascarell, Oczypka, Kabak, Raman? Gestandene Spieler! Die müssen Verantwortung übernehmen! ANGSTHASEN!!!

    Und wie der Spieler anläuft, war klar, dass das nichts wird….
    … nur Schalke Fan zu sein, reicht nicht aus, er ist einfach nicht BuLi-tauglich und die fehlende Arbeit nach hinten lässt auch den Aussenverteidiger alt aussehen (Überzahl). Dies führte zu 2-3 Gegentoren in den letzten Spielen.

    Es ist das TEAM, welches nicht funktioniert, aber Steven war leider ein entscheidendes Rädchen in den letzten Spielen.

    Glück auf!

  6. Wenn man die Ergebnisse momentan hauptsächlich auf fehlendes Spielglück und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter reduziert, dann muss man aber schon zwei „Vereinsbrillen“ aufsetzen – die Qualität des Kaders und der Spielanlage ist schon seit Jahren auf dem absteigenden Ast – selbst die „tolle Vizemeisterschaft“ unter Tedesco war spielerisch schon kaum im Fernsehen oder live zu ertragen…Wir bekommen jetzt die Quittung für eine lange Fehlentwicklung in allen Bereichen – Corona ist da nur eine weitere Ausrede…..bzw. nur ein Brennglas auf das Problem…Leverkusen war im übrigen ebenfalls nicht mit der besten Mannschaft auf dem Platz, in allen Belangen überlegen und hat es ganz locker runter gespielt… Wenn wir aus den nächsten 3 Spielen gegen die Abstiegskonkurrenz nicht 6-7 Punkte holen, dann war es das…

  7. Wenn man die Ergebnisse momentan hauptsächlich auf fehlendes Spielglück und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter reduziert […]

    Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der so denkt. Ja, Schalker sind viele. Aber dass jemand die Geschehnisse der letzten Monate so unkritisch sieht, dass die Probleme hauptsächlich im Außen veranschlagt werden, das habe ich bislang nicht mitbekommen.

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