Wahlausschuss abschaffen? Und dann?

Gestern wurde die Liste der Kandidaten für den Schalker Aufsichtsrat veröffentlicht. Am 13. Juni wird die Mitgliederversammlung aus 10 Kandidaten fünf Aufsichtsräte wählen. Es war die Aufgabe des Wahlausschusses, aus 30 Bewerbern die 10 Kandidaten zusammenzustellen. Daran finden viele Vieles nicht gut, was regelmäßig zu Diskussionen führt. Das ist gut, darf und soll so sein.

Die Kritik lässt sich im Groben so zusammenfassen:

Der Wahlausschuss trifft eine Vorauswahl. Die Mitgliederversammlung kann deshalb nicht frei entscheiden. Da der Wahlausschuss seine Entscheidungen nicht begründet, sind diese für die Mitglieder nicht nachzuvollziehen. Sie sind außerdem nicht anfechtbar, damit ist die Mitgliederversammlung als höchstes Vereinsgremium in seinem Wirken beschnitten.

Das ist alles komplett richtig.

Was bleibt sind die Fragen nach dem Anders. Ob es Schalke 04 ohne Wahlausschuss besser ginge. Ob sich durch die Abschaffung des Wahlausschusses mehr Transparenz erreichen ließe, und falls ja, was diese Transparenz für den Club bedeuten würde, ob das gut oder schlecht wäre.

Kein Wahlausschuss würde bedeuten, dass alle Kandidaten ab der Einreichung ihrer Kandidatur um Stimmen werben, und dann vor der Mitgliederversammlung sprechen.

Mitgliederversammlung mit allen Kandidaten?

In diesem Jahr haben sich 30 Mitglieder um eine Kandidatur bemüht. Das mag manchem als Ausnahme erscheinen, weil der Club im Umbruch ist und diesmal gleich fünf statt der üblichen zwei Aufsichtsratsplätze zu besetzen sind. Es ist aber auch keine abwegige Annahme, dass die Anzahl der Kandidaten generell stiege, wenn man sich keiner Prüfung eines Wahlausschusses unterziehen müsste.
Wenn 30 Kandidaten eine reine Redezeit von 5 Minuten bekommen, käme die Mitgliederversammlung alleine für die Wahl zum Aufsichtsrat auf dreieinhalb bis vier Stunden; und das ist ja nur ein Punkt von vielen auf der Agenda einer Mitgliederversammlung. Wie wenig Zeit soll man den dann nicht vorab überprüften Kandidaten zur Vorstellung geben? Welche Dauer ist praktikabel? Wäre es fair, die Dauer der Vorstellung anhand der Anzahl der Bewerber festzulegen? Soll man die Kandidaten vor der Mitgliederversammlung gar nicht mehr reden lassen?

Vermutlich müsste man die Darstellung der Kandidaten auslagern. Tatsächlich würde der Wahlkampf ohnehin sehr viel länger dauern und öffentlicher stattfinden als bisher.

Der Wahlkampf

Bislang begann der Wahlkampf traditionell mit der Bekanntgabe der Kandidatenliste durch den Wahlausschuss. Über verschiedene Formate wurden die Kandidaten dann vorgestellt, auf der Homepage des Clubs, durch Fragebögen von Fanorganisationen, bei Live-Veranstaltungen. Letztlich blieb die Rede vor der Mitgliederversammlung der wichtigste Part. Ohne Wahlausschuss und ohne Kandidatenliste würde jeder Kandidat jederzeit mit dem Werben um sich beginnen. Dabei wären bekannte Politiker oder Firmenchefs gegenüber weniger bekannten Mitglieder klar im Vorteil, unabhängig deren Eignung. Dann würde „laut“ am meisten zählen, dann wäre es sehr leicht, durch Interviews in BILD oder WAZ geradewegs in den Aufsichtsrat des FC Schalke 04 einzuziehen. Denn bei einer Auswahl aus zig Kandidaten wäre Bekanntheit schon das dickste Pfund, erst recht wenn man sich öffentlich halbwegs geeignet als Macher darstellt. Soll der Wahlkampf um den Aufsichtsrat in BILD oder WAZ, bei Facebook oder Twitter stattfinden? Dazu mehr oder weniger dauerhaft, weil es keinen „Startschuss“ gibt und weil jede diskutable Entscheidung des amtierenden Aufsichtsrats zum geeigneten Startschuss der Kampagne eines zukünftigen Kandidaten werden kann?

Aber die Transparenz …

Manch Schalker hielte öffentliche Wahlkämpfe vielleicht für transparent. Vermutlich würde ein öffentlicher Dauerwahlkampf den Club aber erst recht nie zu Ruhe kommen lassen. Wer auf mehr Transparenz durch eine Abschaffung des Wahlausschusses hofft, vergisst außerdem, dass der dann direkt gewählte Aufsichtsrat auch absolut intransparent handelt und das genau so sein soll, sein muss.

Der Aufsichtsrat tagt geheim und soll durch einen gewählten Sprecher „mit einer Stimme“ sprechen. Er ist absichtlich intransparent, damit sich die Mitglieder um Entscheidungen streiten können. Sie sollen streiten, sie sollen unterschiedliche Expertisen haben; sie sollen dennoch am Ende den Club in eine Richtung führen.

Weil man aber die Worte eines Kandidaten später nie an seinen Taten messen kann, weil diese stets im Tun des gesamten Aufsichtsrats aufgehen, ist eine echte Transparenz in den Wahlen nicht zu erreichen.

Mit diesem Dilemma muss man leben. Um als so lauter Club, wie Schalke 04 es nun mal ist, nicht komplett im Populismus unterzugehen, wurde der Wahlausschuss erfunden. Dabei wird dieser immer wieder als Gremium des Clubs gegen seine Mitglieder dargestellt: Als würde sich der Verein mit dem Wahlausschuss abschotten. Dabei wird jedes einzelne Mitglied des Wahlausschusses von der Mitgliederversammlung direkt gewählt. Der Wahlausschuss ist damit das demokratischste Gremium des FC Schalke 04 überhaupt. Auf der Clubwebseite ist jederzeit nachzusehen, wer dem Wahlausschuss angehört. Dort ist auch die Geschäftsordnung einzusehen, in der das Vorgehen des Wahlausschusses nachvollziehbar dargestellt ist.

Dass in der Satzung festgelegt ist, dass der Wahlausschuss seine Entscheidungen nicht begründet, hat mehrere Gründe. Zum einen wäre es furchtbar für das Ansehen von Kandidaten, wenn eine Nichtzulassung öffentlich mit Unzulänglichkeiten oder Fehlern begründet würde. Wer wollte sich bei einem solchen Club noch bewerben, der Negatives über Leute veröffentlicht, die ihre Arbeit in den Club einbringen möchten?
Außerdem kann es durch die begrenzte Anzahl an Zulassungen jederzeit zu einer Situation kommen, in der es zwischen Kandidaten „unentschieden“ steht, und trotzdem einer bevorzugt werden muss. Dabei wird sich der Wahlausschuss als Gruppe auch nicht stets einig sein. Warum sollte dieses Gremium nach der Entscheidung also eine Begründung verfassen müssen, mit der ein nicht zugelassener Kandidat – und die Mitglieder, die ihn hätten wählen wollen – garantiert nie zufrieden sein wird? Was soll eine solche Begründung bringen, die entweder glattgebügelt daherkommt, um Gesichter zu wahren, oder so direkt und klar ist, dass es auf jeden Fall wieder kracht, weil natürlich immer jemand anderer Meinung ist?

Schalke ist ein Verein, der Club und seine Satzung sind lebendig. Die Regularien um den Wahlausschuss können nicht nur immer diskutiert, sondern auch per Satzungsänderungsantrag verändert werden. Was sich allerdings bestimmt niemals ändern wird ist, dass die Schalker, die mit aktuellen Entscheidungen nicht zufrieden sind, mit emotionalen Worten das System in Frage stellen, Lug und Trug wittern und sich hintergangen fühlen. Schalkes Satzung ist in seiner Idee demokratisch. Das ist anstrengend, aber auszuhalten. Ich glaube nicht, dass es Schalke 04 besser ginge, würde man den Wahlausschuss abschaffen.

5 Thoughts

  1. Da hast du völlig Recht.
    Abgesagten Kandidaten kannst du ja quasi nur nach der Methode „Arbeitszeugnis“ absagen.
    „Trotz herausragender Kompetenz hat es leider nicht gereicht“, etc.
    Du kannst ja nicht die Defizite der Kandidaten in der Öffentlichkeit besprechen. Das geht gar nicht. Da kannst du dich direkt auf eine Klage wegen Rufschädigung vorbereiten.

    Das Thema kocht jetzt natürlich hoch, weil es mit Peter Peters einen prominenten Kandidaten getroffen hat. Es wäre natürlich auch für mich spannend zu erfahren, warum er nicht ausgewählt wurde. Ich finde die Wortwahl „ausgewählt“ besser als „zugelassen“. Dann darum geht es, von den Kandidaten die besten auszuwählen, und nicht bestimmte Kandidaten nicht zu zu lassen.

  2. Lieber Torsten,

    das Problem bei der Enscheidung des Wahlauschuss liegt darin, dass man das Gefühl nicht los wird, das der aktuelle AR seine Kandidaten so platzieren konnte wie er es wollte und gleichzeitig alle Kandidaten verhindern konnte die im „gefährlich“ werden konnten. Oder war es etwa Zufall? Ich glaube wir kennen unseren Verein zu gut, als wenn wir das reinen Gewissens glauben könnten. Das Vertrauen in den akuellen AR ist für viele nicht mehr Vorhanden und das ist ja auch nicht wirklich verwunderlich. Nun ist der Glaube entstanden, „Es wird so gehalten wie unter Tönnies auch schon, die vermeindlich „gefährlichen“ immer schön kleinhalten, dann kann auch nix passieren“. Natürlich kann man nicht jeden zulassen und natürlich ist ein Wahlausschuss wohl die einzige sinvolle Lösung. Aber es war bekannt, dass Paetzel und co. einen guten Eindruck bei vielen Fans hinterlassen hatten. Aus Angst das diese (Opposition) in den AR gewählt wird wird, wurde dies im Vorfeld einfach und simpel umgangen, so ist zumnidest der Eindruck der für viele entstanden ist. Und wenn man in der momentanen Situation so untransparent agiert, dann ist das auch nicht wirklich verwunderlich. Sich dann darauf zu berufen, dass es ja der Satzung entspricht und keinerlei „Verstöße“ gab ist gerade zu lächerlich. Dadurch entsteht ganz automatisch der Eindruck, dass hier gemauschelt wurde. Das Problem, ist das zur Zeit fehlende vertrauen vieler Mitglieder in den Verein und das kann und darf man ihnen nach allem was passiert ist auch nicht übel nehmen. Viele Mitglieder wollten einen Umbruch, dies wurde ihnen nun vom Verein einfach geommen ohne das sie dafür oder dagen stimmen konnten. Es wäre aber ihr Recht gewesen.

    Danke

  3. Hallo Axel,

    mit Deiner Einlassung in Richtung Verschwörungstheorie bestätigst Du genau einen oben benannten Umstand, der zu vermehrten Problemen führt: Leute, die ab Beginn der Abgabe der Kandidatur bzw. schon kurz davor Wahlkampf mit Worten und Taten machen. Dies ist zurecht ein absolutes Unding, weshalb ich persönlich sehr glücklich darüber bin, dass weder die Beiden von T&Z noch Sarpei oder Peters für Ihr „Fehlverhalten“ auch noch belohnt wurden.
    Ich weiß nicht, seit wann Du Dich genauer inhaltlich mit unseren Vereinsthemen näher auseinandersetzt, aber dem derzeitigen Wahlausschuss solche Vorhaltungen zu machen, ist nicht nur lächerlich, sondern böswillig falsch. Mir sind sechs WA-Mitglieder persönlich aus diesen Zeiten bekannt, als wir als sogenantne Tönnies-Opposition angeblich Böses für den Verein wollte, im Gegenteil aber nur vor dem gewarnt haben, was jetzt passiert ist. Diesen Leuten heute vorzuwerfen, sie würden den (immer noch) Tönnies-AR nicht nur verteidigen, sondern sie auch noch zu bevorteilen, ist entweder aus purer Unkenntnis naiv oder bewusste Rufschädigung.

    Gruß, Homer

  4. @Homer:

    Danke für Deinen Kommentar. Ich mag kurz bemerken, dass Axel indirekt die Gefühle vieler zu erklären versucht hat und selbst weder was rufschädigendes, noch böswillig falsches oder gar lächerliches geschrieben hat.

    @Axel:

    Ich verstehe das durchaus, warum gerade viele den Wahlausschuss kritisieren. Letztlich ist das Gefühl zu der aktuellen Entscheidung aber auch ein anderes Thema als die Kritik an der Einrichtung WA und der Aufgaben nach Satzung. Ich habe mich zunächst bewusst sachlich auf die Kritik an der Institution bezogen, unabhängig von bestimmten Fällen/Personen. Denn tatsächlich wiederholen sich diese Vorwürfe regelmäßig, nur die Kritiker wechseln, je nachdem, wer gerade vom WA nicht ausgewählt wurde oder auch nur droht, eventuell nicht ausgewählt zu werden.

    Und wenn man in der momentanen Situation so untransparent agiert, dann ist das auch nicht wirklich verwunderlich. Sich dann darauf zu berufen, dass es ja der Satzung entspricht und keinerlei „Verstöße“ gab ist gerade zu lächerlich. Dadurch entsteht ganz automatisch der Eindruck, dass hier gemauschelt wurde.

    Sorry, aber da liegt offenbar ein Missverständnis vor. Der WA sucht es sich nicht aus, ob er begründet oder nicht. Er darf laut Satzung nichts begründen: „Die Entscheidungen des Wahlausschusses sind nicht zu begründen“. Die Gründe, die ich dahinter sehe, habe ich ja oben im Text aufgeführt. Wenn da nur auf Grund einer Nicht-Begründung Mauschelei vermutet wird, liegt leider nur Unkenntnis der Satzung zugrunde.

    Viele Mitglieder wollten einen Umbruch, dies wurde ihnen nun vom Verein einfach geommen ohne das sie dafür oder dagen stimmen konnten. Es wäre aber ihr Recht gewesen.

    Zur Sichtweise Mitglieder <> Verein habe ich ja oben schon was geschrieben. Niemand Anonymes im Verein hat was genommen, sondern die von den Mitgliedern als ihre Vertreter gewählten Selbst-Mitglieder haben das so entschieden. Und dass ein Umbruch nicht möglich sei, ist letztlich auch nicht richtig. Es können leicht fünf Männer gewählt werden, die komplett neu sind. Selbst wenn Rüter und/oder Hefer gewählt werden, die zuletzt im AR saßen, sind das neue Leute, weil sie erst vor kurzem nach Rücktritten nachgerückt sind, und mit dem Tun des alten AR nichts zu tun haben. Von 10 stehen also 8 für einen neuen AR.

    Das mag man so nicht sehen, wenn man sich darüber ärgert, dass sein eigener Favorit nicht zu wählen ist. Aber nur, weil es durch diese Brille anders aussieht, ist es ja nicht falsch. Hinzu kommt …

    @dreiköpfiger Affe

    Das Thema kocht jetzt natürlich hoch, weil es mit Peter Peters einen prominenten Kandidaten getroffen hat.

    … dass in verschiedenen „Öffentlichkeiten“, in verschiedenen „Bubbles“ der Fall an unterschiedlichen Personen festgemacht wird.

    Bei Twitter dreht sich alles um die „Rangnick-Gruppe“. In einem Forum, in dem ich mitlese, waren die ersten Reaktionen Verwunderung darüber, dass Barta und Sarpei nicht zugelassen wurden. Und da, wo Dreiköpfiger Affe mitliest, ist Peter Peters die Top-Personalie der Saison.

    Da baut sich dann jede Peergroup eine eigene Erklärung, warum der WA dies oder das gemacht hat, wer woran Schuld hat.

    Aber ja …

    Ich finde die Wortwahl „ausgewählt“ besser als „zugelassen“. Dann darum geht es, von den Kandidaten die besten auszuwählen, und nicht bestimmte Kandidaten nicht zu zu lassen.

    … da bin ich sehr dafür. Vielleicht fördert das ein klitzekleines bisschen eine weniger harsche Sichtweise.

  5. Männlich, ältlich, aus der Wirtschaft. Die Bewerberschar wirkt recht homogen. Dass diese Merkmale ein kompetentes Gremium nicht garantieren, hat der totale Schiffbruch des Vereins bewiesen. Mittelfristig sollten wir dafür werben, dass das vielfältiger wird.

    Die Kommentarspalte bei Schalkes Facebook-Auftritt zeigt, dass viele das Desaster mit ihrer Rangnick-Fata Morgana nicht kapieren wollen und auch kaum bereit sind, ihren Ton zu mäßigen. Dennoch hätte vielleicht einer aus der „Gruppe“ ausgewählt werden können, auch diese Fraktion ist halt Bestandteil der Mitgliederschaft. Naja, hätte-wenn-und-aber.

    Im Moment wüsste ich nur einen oder zwei, die ich aus Überzeugung wählen kann, die übrigen vielleicht als kleinere Übel. Aber der Wahlkampf hat ja noch nicht begonnen (bzw. für die Frühstarter ist er bereits beendet).

    Wenigstens weiß ich, dass ich getrost Herrn Wieland für den Wahlausschuss mdeine Stimme geben kann. Hat Herz, Sinn und Verstand.

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