Reset

Im Januar 2007 hatte ich angefangen, im eigenen Blog über Schalke 04 zu schreiben. Am 24.05.2018 habe ich mein königsblog abgeschaltet. Heute vor 600 Tagen.

Nein, das hier ist kein königsblog 2.0. Im August 2017 hat mein Leben einen Neustart erfahren. Dass ich seitdem weniger Texte veröffentlichte, dass ich meine Webseite letztlich abschließen konnte, lag auch daran, dass mein Alltag wieder wertvoller und spannender wurde.

Aber ich mag das Schreiben. Und ich habe weiterhin stets meine Meinung zu den Dingen um Schalke 04. Deshalb ist das hier nun meine Plattform für Dieses und Jenes.

Hier sind die königsblog-Texte zu finden, die es meines Erachtens wert waren, auch abseits der damaligen Tagesaktualität, aufgehoben zu werden. Dass ich die vielen tollen Kommentare zu eben diesen Texten zurückließ, tat mir in der Seele weh, war aber rechtlichen Gründen geschuldet.

Hier wird es wieder Texte zu Schalke 04 geben. Wie regelmäßig, wie häufig, vermag ich noch nicht zu sagen. Meine Idee ist, dass es hier auch andere Texte geben wird. Wie sich das entwickelt: Ma’kucken.

† Herbert Preckel

Ein Kerl wie ein Baum! Erst 66 Jahre alt. Letzte Woche Freitag fiel er um. Einfach so. Herbert Preckel war der Papa meiner Freundin Kerstin. Im Stadion saß ich jahrelang neben ihm. Nun nie mehr. Nicht zu fassen!

Mit einer neuen Frau bekommt man neue Bekannte geschenkt, aus denen bestenfalls Freunde werden. Als ich die heutige Frau Wieland kennenlernte, eine Tochter Gelsenkirchens, bekam ich Freundin Kerstin dazu. Es dauerte nicht lange, da saß ich erstmals bei den Preckels in der Küche. Frau Wieland kannte Kerstin seit Kindheitstagen und war immer gerne dort. Ab dem ersten Augenblick wusste ich warum. Bei den Preckels, bei Herbert und seiner Frau Gilla, fühlte ich mich sofort willkommen. Ein Haus voller Leben.

Zu ihnen hatte man kein Eltern-Verhältnis. Es war wie bei älteren Freunden. Dort war immer was los. Drei Töchter. Drei Schwiegersöhne. Neun Enkelkinder. Die Geschwister und Nichten gleich nebenan. Man war nie alleine.
In der Hütte in ihrem Garten feierten wir Silvester. Es hüpften stets Kinder herum, irgendwann auch mal meine. Irgendwie wurde immer gekocht, gebacken oder gegrillt. Die Preckel-Welt war für mich der Inbegriff von Familie, in welche auch Freunde für die Zeit ihres Dortseins aufgenommen wurden. Und während Gilla für das Herzliche zuständig war, sorgte Herbert für Witz und Tun.

Für Herbert schien nie etwas zu schwierig zu sein. Konnte er etwas nicht selbst erledigen, kannte er einen, der einen kannte. Und wenn man mit Herbert auf Schalke fuhr, kannte er sogar Leute, deren Einfahrt er zuparken durfte, um in angemessener Entfernung zum Stadion seinen Wagen abzustellen.

Dort, in der Arena, in Block S5, in der vorletzten Reihe von oben, saßen wir lange nebeneinander. Herbert war einer dieser Schalker, die im Ton der Ironie davon sprachen, dass Schalke den nächsten Gegner schon putzen würde, und denen vor dem Spiel die Ironie zugunsten von Optimismus flöten ging. Ich mochte seine Art sehr, das alles nicht zu ernst zu nehmen, und doch leidenschaftlich bei der Sache zu sein.

Nach Roberto Di Matteo und vor André Breitenreiter gaben Herbert und Kerstin ihre Dauerkarten weiter. Seitdem habe ich sie sehr vermisst. Bis zuletzt hoffte ich, sie würden es sich nochmal anders überlegen. War das Spiel mal doof, fühlte ich mich zumindest zwischen ihnen wohl. Nun wird es nie mehr sein können, wie es mir am liebsten war.

Schalke, das sind vor allem Menschen.
Mit Herbert ging ein Stück meiner schönsten Schalke-Zeit.

Das Prinzip Show

Die andere Idee von Profisport in den USA

Am Sonntag fand in Houston, Texas, der Superbowl statt, das Endspiel der US-Football-Liga NFL. Mittlerweile ist dies ein Ereignis von weltweitem Interesse. Etwas, das jeder mitbekommt, ob er Football nun mag oder nicht. Wer hinschaut wird zustimmen, dass es sich um eine gigantische Show handelt. Auch die Endspiele der Fußball Weltmeisterschaft oder der europäischen Champions League sind große Shows. Und doch fühlt es sich noch anders an. Beim Fußball nimmt die Show dem Sport immer mehr von seiner Ursprünglichkeit. Beim Football gehört die Show dazu, mehr noch, das Spiel unterstützt diese. Dem Sport der großen US Profiligen, egal ob Football, Baseball, Basketball oder Hockey, liegt eine radikal andere Idee zugrunde. Eine Idee, welche ihren Ursprung vor bald 150 Jahren hatte. US Sport ist mit dem europäischen und vor allem mit dem deutschen Verständnis von Ligasport nicht zu vergleichen.

Fußball in Deutschland: Sich messen und konkurrieren

Als der Fußball nach Deutschland kam, traf er auf ein Land von Turnern. Turnen war körperliche Ertüchtigung zum Wohle seiner selbst. Man turnte gemeinsam. Turnen war gut. Fußball war wild. Fußball war ein Gegeneinander. Turner wollte mit Fußball nichts zu tun haben. Die unzähligen „Turn- und Sportvereine“ in Deutschland zeugen noch heute davon, dass man sich Turnen keinesfalls in der gleichen Kategorie wie Fußball und ähnlichem denken konnte.

In den 1880er Jahren entstanden in Deutschland die ersten Fußballvereine. Noch vor der Gründung des Deutschen Fußball Bundes gab es Spiele von deutschen gegen französische und englische Auswahlmannschaften. Ab 1903 gab es erste deutsche Meisterschaftsrunden. Damals wurde das Prinzip geschaffen, nachdem Fußball noch heute funktioniert. Die Sieger kommen weiter, spielen bis zum Triumph und werden für diesen belohnt. Die Verlierer bleiben zurück, steigen in untere Ligen ab, während andere, bessere Mannschaften ihren Platz einnehmen.

Die Cincinnati Red Stockings: Die Idee des Geldverdienens

In den USA war Baseball die erste Sportart, die sich zu organisieren begann. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurde Baseball gespielt, nach heutigem Wissen wurde 1845 der erste Verein gegründet, die New York Knickerbockers. Entscheidend für die Entwicklung zum heutigen System waren aber die Cincinnati Red Stockings (heute Cincinnati Reds), welche ab 1869 durch die Gegend zogen.

Durch die Gegend zogen? Genau. Den Red Stockings war nicht daran gelegen, einen Pokal in die Höhe zu stemmen. Sie waren eine Art Wanderzirkus. Sie spielten besser als alle anderen. Wohin sie auch kamen, es wurden Auswahlmannschaften zusammengestellt, um gegen sie anzutreten. Sie waren ein Ereignis. Die Leute wollten sie spielen sehen. In den ersten beiden Jahren bestritten sie über 130 Spiele und blieben dabei unbesiegt. Sie verdienten Geld damit.

Die US Profiligen als geschlossene Veranstaltungen

Die Idee des Geldverdienens durch Sportunterhaltung ist die Grundlage aller US Profisportligen. Dies zu wissen ist der Schlüssel, um amerikanischen Sport und dessen Unterschiede zum hiesigen System zu verstehen. Die Ligen sind große Unternehmen, die einzelnen Clubs Franchisenehmer. Die Clubs gehören Besitzern, die ihrerseits erfolgs- und damit auch gewinnorientiert handeln. Die Clubs setzen einen Commissioner ein, der die Interessen der Liga vertritt und als eine Art Schiedsrichter fungiert. Wichtige strategische Entscheidungen entscheiden aber die Clubs gemeinsam.

In diesen Ligen gibt es keinen Auf- oder Abstieg. Man versteht sich als das Premiumprodukt des entsprechenden Sports. Man nennt die Sieger „World Champions“ und die Liga „The Show“. Es kommt vor, dass Besitzer mit ihrem kompletten Club die Stadt wechseln möchten, zum Beispiel weil man seit Jahren unter einem abnehmenden Zuschauerzuspruch leidet und weil eine andere Stadt mit dem Neubau eines Stadions lockt. Dies wird von der Gemeinschaft aller Clubs erlaubt oder verhindert. Ebenso wie der Verkauf eines Clubs an einen neuen Besitzer, oder gar eine Erweiterung der Liga durch die Vergabe einer neuen Lizenz, welche dann kurzerhand zur Erfindung eines neuen Clubs führen kann.

Entscheidend ist, dass jede Liga einen mehr oder weniger konkurrenzlosen Kosmos darstellt, in dem Regeln für alle gelten, zu denen es keine Alternative gibt. Unterschreibt ein Baseball-Talent einen Vertrag bei den New York Yankees, unterschreibt er einen Vertrag der Major League Baseball. Wollen die Yankees das Talent nicht mehr, schicken sie es mit vielleicht zwei weiteren Talenten zu den Cleveland Indians, und bekommen einen gestanden Profi dafür zurück – dann spielt das Talent eben bei den Indians. Nachgefragt wird dafür nicht. Erst mit einem gewissen Star-Status haben Spieler die Chance, sich eine „No-Trade“-Klausel in den Vertrag schreiben zu lassen. Die Clubs mögen das nicht, weil es ihre Handlungsfähigkeit einschränkt. Sie bezahlen hohe Gehälter und erhalten dafür einen Gegenwert, die Leistung des Spielers oder dessen Tauschwert. Für sie ist es normal, darüber frei zu verfügen.

Das Bestreben nach Ausgleich

„The Show“ soll nicht langweilig werden. Alle Besitzer wollen Geld verdienen. Die US Profiligen sind der Überzeugung, dass es insgesamt weniger profitabel ist, wenn stets nur eine Handvoll Clubs die Chance hat, Champion zu werden. Deshalb erfand die NFL das Draft System, welches später von allen US Profiligen übernommen wurde.

Dabei teilen die Clubs die Rechte zur Verpflichtung von noch nicht für die Proficlubs spielenden Talenten untereinander auf. Der Clou ist, dass dabei der in der vergangenen Saison schwächste Club zuerst und der Champion zuletzt auswählen darf. Ein Talent, welches von einem Club „gedraftet“ wurde, darf nur bei diesem einen Profivertrag unterschreiben. Will er das partout nicht, spielt er nicht in der Liga.

Ein weiteres Instrument, um Ungleichheiten zwischen den Clubs auszugleichen, ist die „Salary Cap“. Eine von der Liga festgelegte Obergrenze, welche die Clubs an Ausgaben für Spielergehälter nicht überschreiten dürfen. Nun ist es so, dass einige Clubs solche exorbitanten Einnahmen aus TV-Rechten beziehen, dass sie Strafzahlungen von bis zu 40 Millionen Dollar pro Jahr hinnehmen, um eben doch den Kader ihrer Wünsche zusammenzustellen. Vollendes lässt sich der Unterschied in den Märkten zwischen Clubs aus New York oder Los Angeles gegenüber Clubs in eher ländlichen Gebieten eben nicht ausgleichen. Dennoch ist die „Salary Cap“ ein Ansatz, um dem vollkommen zügellosen Wirtschaften im Profisport zu begegnen.

Die US Profiligen, das bessere System?

Auch in der NFL gibt es Clubs, die sich über einen längeren Zeitraum an der Spitze halten können. Trotzdem erreichen regelmäßig Teams den Superbowl, die seit Jahren oder gar noch nie große Erfolge feiern konnten; wie zuletzt die Carolina Panthers, oder in diesem Jahr die Atlanta Falcons. Im Baseball gewann im vorletzten Jahr ein Club die Endspielserie, der zuletzt vor 30 Jahren triumphierte. In der letzten Saison siegten gar die Chicago Cubs, der seit 108 Jahren auf einen Titel warteten! Beispiele dafür, dass das System funktioniert. Dass es für Abwechslung sorgt, und dass es in den amerikanischen Ligen möglich ist, einen Club zu „rebuilden“; über den Draft einige Jahre Talente zu sammeln, so Werte zu schaffen und über geschicktes Management auch in einem „Verliererclub“ ein konkurrenzfähiges Team zusammenzustellen.

Entwicklungen, die im europäischen Fußball unmöglich erscheinen, wo sich Verhältnisse fast ausschließlich über den Geldfluss von Investoren verschieben lassen. Dennoch braucht man sich die Frage nach einem besser oder schlechter nicht stellen. Das US System ist vor allem anders, und es lässt sich unmöglich nach Europa übertragen.

Die Fußballclubs in Deutschland sehen sich nicht als Gemeinschaft. Die „Solidarität“ in Sachen TV-Vermarktung ist ein Feigenblatt. Bayern München konkurriert mit Real Madrid und Chelsea, die Zweitgrößten haben Bedenken von den Drittgrößten eingeholt zu werden. Überall ein Gegeneinander, alles in Konkurrenz, so wie Fußball in Europa groß geworden ist. Niemand kann akzeptieren, zu Gunsten eines großen Ganzen zurückzustecken. Das ist nicht unter einen Hut zu bekommen. Insbesondere auch, weil sich hier die Vorteile des abgeschotteten Systems einer US Liga nicht erreichen lassen, weil Fußballclubs in einem weltweiten Markt agieren. Ein Draft-System ist hier undenkbar. Wenn einem Fußballspieler vorgeschrieben werden soll, für welchen Club er zu spielen hat, sucht er sich eben ein anderes Land.

Es wird so bleiben, dass sich die zu großen Abstände in den Umsätzen der Fußballclubs nicht sportlich überwinden lassen. Es wird so bleiben, dass viele Fußballfans es als falsch empfinden, dass ein deutscher Milliardär seinen Dorfclub in die Bundesliga bringt. Dass zum Teil die gleichen Leute aber dennoch nachts den New England Patriots zujubeln, die einem Milliardär und Besitzer einer Unternehmensgruppe der Papier- und Verpackungsindustrie in den USA gehören. Die Bundesliga und ihre einzelnen Clubs sind längst Unternehmen im Unterhaltungsbusiness, sie verkaufen den Fußball als leicht konsumierbares Produkt. Nur darf das niemand sagen. Fans wollen das nicht hören. Sie wollen anders sein, purer, echter, ehrbarer. Fast ein bisschen so wie deutsche Turner im 19. Jahrhundert.

Foto: US Air Force

„The most poetic sports broadcaster of all time“

Hi, everybody, and a very pleasant good afternoon to you, wherever you may be.
Es ist Zeit für Schalke 04. #Glückauf

Ich mag Twitter und bin dort recht aktiv. Unter Schalkern ist es durchaus üblich, kurz vor dem Anpfiff von Spielen der Blauen noch ein flottes „Glückauf“ in seine Twitter-Timeline zu senden. Sei es um den anderen zu bedeuten, dass man nun live dabei ist, oder um das Glück zu beschwören. Seit Mitte der letzten Saison nutze ich die oben dargestellte, etwas ausführlichere Variante. Es sind die Worte Vin Scullys, des Broadcasters der Los Angeles Dodgers, der seit Jahrzehnten mit dem Ausruf „It’s Time For Dodger Baseball!“ und eben diesen Worten die Radio und Fernsehübertragungen seines Clubs einleitet. Kommenden Sonntag wird es dies zum letzten Mal so tun. Nach 67 Jahren beendet er seine Karriere.

Beim Fußball in Deutschland gibt es keine clubeigenen Liveübertragungen von Spielen. Die Sender stellen sich den Clubs gegenüber als neutral dar. Wir erwarten von den Kommentatoren eine gewisse Überparteilichkeit und ärgern uns, wenn wir den Kommentar als für unser Team zu schlecht erachten. Auch im Baseball in den USA gibt es landesweit übertragene Spiele mit neutralen Kommentatoren. Die überragend größere Anzahl an Liveübertragungen findet aber durch vertraglich an die einzelnen Clubs gebundene Lokalsender statt. Die dabei übertragenden Kommentatoren gehören nicht zu den Sendern, sondern zu den Clubs. Und wenn ein anderer Sender für die Übertragungen mehr bietet und ein neuer Vertrag zustande kommt, wechseln die Kommentatoren mit dem Club zum neuen Sender.

Vincent Edward „Vin“ Scully ist 88 Jahre alt. Er begann 1950 damit, die Spiele der damaligen Brooklyn Dodgers im Radio und im Fernsehen zu kommentieren. Er begleitete die Dodgers, als diese 1955 mit Jackie Robinson, dem ersten Farbigen im amerikanischen Profisport, die World Series gewannen. Er begleitete die Dodgers, als diese 1958 von Brooklyn nach Los Angeles, Kalifornien umzogen. Er wurde die „Stimme der Dodgers“ und die „Stimme LA’s“ und blieb es bis heute.

Aber es ist nicht die Dauer seiner Tätigkeit, die Vin Scully besonders macht. Es ist seine Art, die Spiele zu begleiten. Bei TV-Übertragungen ist es üblich, dass zwei Kommentatoren als Team arbeiten. Vin Scully arbeitet stets alleine. Vin Scully kommentiert auch nicht nur für die TV Zuschauer, er kommentiert im „simulcast“, das heißt dass seine Stimme sowohl im TV, als auch in der Radio Übertragung zu hören ist. Entsprechend muss er stets das Spiel beschreiben und kann sich nicht darauf verlassen, dass die Bilder den Zuschauern den Stand der Dinge erklären.

Nun mögen sich hierzulande viele nicht mit Baseball auskennen und glauben, dass in diesem Sport eh nicht viel passiert, dass es da wenig zu beschreiben gäbe. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das Duell zwischen Werfer und Schlagmann ist eine ständige Pokerpartie, bei der jeder Wurf wichtig ist und erwähnt werden muss. Das zu beschreiben fesselt den Kommentator ans Geschehen. Trotzdem ist Vin Scully aber vor allem für seine Geschichten berühmt, die er „um die Spielbeschreibung herum“ zu erzählen versteht wie niemand zuvor und wohl auch niemand nach ihm.

Die Los Angeles Times nannte ihn den „most poetic sports broadcaster of all time“. Vin Scully spricht schöne Sätze. Vin Scully behandelt stets jeden Protagonisten mit Respekt. Vin Scully sagt die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

Vor 5 Tagen wurde José Fernandez aus dem Leben gerissen. Der Pitcher der Miami Marlins war 24 Jahre jung und kam bei einem Bootsunfall zu Tode. In allen Stadien der US-amerikanischen Baseball Profiliga gab es Trauerbekundungen, alle Baseballfans im Land waren schockiert. Beim Spiel der Dodgers thematisierte auch Vin Scully den jungen Werfer. In seiner Art schwärmte er von dessen Können und schloss mit der kleinen Geschichte, dass José Fernandez vor einem Jahr bei Twitter einen Tweet abgesetzte, in dem er die Frage schrieb: „Wenn Du ein Buch mit der Story Deines Lebens bekommst, würdest Du das Ende lesen?“ Ein typisches Scully-Ding. Klein, leise. Aber den richtigen Ton und das richtige Gefühl zu Situation treffend.

Es sind liebevolle kleinen Geschichten zu Baseballmenschen, die es nirgends zu lesen gibt, die während der Spiele von Vin Scully erzählt werden. Einmal philosophierte er während eines Innings über die Geschichte der Bartmode. Einmal erzählte er, wie das Leben Mike Mathenys, des Managers der St. Louis Cardinals, dadurch verändert wurde, dass ihm ein Vogel auf den Kopf gekackt hat. Er, der jeden in diesem Sport kennt, der zu jedem eine Geschichte weiß. Und über den andersrum auch jeder im Baseball eine Geschichte erzählen kann, weil jeder ihm über die Jahre irgendwann begegnete. In einem großartigen Online-Stück hat ESPN solche Geschichten über ihn gesammelt und veröffentlicht.

Am vergangenen Sonntag hatte Vin Scully zum letzten Mal ein Heimspiel der Los Angeles Dodgers kommentiert. Als wäre ein Drehbuch dazu geschrieben worden konnte das Team in diesem Spiel den Einzug in die Playoffs klarmachen und den Divisionstitel feiern, durch einen Homerun im 10. Inning, der „Verlängerung“, sozusagen. Ich saß bis 2 Uhr nachts vor dem Fernseher und mochte mich nicht lösen.

Am kommenden Sonntag, dem 2. Oktober, wird Vin Scully das letzte Saisonspiel der Dodgers bei den San Francisco Giants kommentieren. Er hatte früh erklärt, dass er keine Playoff-Spiele mehr übertragen wird, dass dieses letzte Dodgers-Spiel der regulären Saison gegen die Giants sein letztes Spiel sein wird. Und es wäre nicht Vin Scully, wenn es dazu keine Geschichte gäbe.

Vin wuchst in New York auf. Als er 8 Jahre alt war kam er an einem Laden vorbei in dessen Schaufenster das Ergebnis des World Series Spiels an diesem Tag dargestellt wurde: New York Yankees 14, New York Giants 4. Zunächst hatte er etwas Mitleid mit den Giants, aber dieses Ereignis war sein erstes kleines Baseball-Erlebnis, aus dem seine Liebe zum Spiel wurde. Seine Schule war 20 Blocks vom Polo Ground entfernt, dem damaligen Stadion der New York Giants. Als Schüler durfte er umsonst ins Stadion, er begann damit dies montags bis freitags zu tun und wurde großer Fan der Giants. Das besagte World Series Spiel fand am 2. Oktober 1936 statt.

Sein letztes Spiel als Broadcaster wird also exakt 80 Jahre nach diesem ersten Baseballerlebnis stattfinden. Ein Spiel zwischen den Giants, die einst von New York nach San Francisco umzogen und die seine ersten Liebe waren, und seinem Leben, den Dodgers.

Mir ist jetzt schon ganz schwummerig, wenn ich drüber nachdenke.

Foto: Floatjon

Home Ground: Closed

Am 23. Januar verstarb meine Mutter, so plötzlich und unerwartet wie mein Vater zwei Jahre zuvor. Gestern übergab ich die Schlüssel der leergeräumten Wohnung an den Vermieter. Nach den zwei Abschieden von meinen Eltern war das ein dritter: Der vom Ort meiner Kindheit und Jugend, von der Nachbarschaft, der Gegend. Von meinem Home Ground.

Als wir einzogen war ich 6 Jahre alt. Neubauten für Familien mit Kindern, unweit des Duisburger Wedaustadions. Fünf Mehrfamilienhäuser, die sich Grünflächen, Parkplatz und Spielplatz teilten. Einen wenig spektakulären Spielplatz: Ein Sandkasten, eine Rutsche, eine Turnstange und eine Tischtennisplatte. Das wichtigste waren aber zwei Bänke, denn das waren unsere Tore.

Die Tischtennisplatte war im Weg und die Bänke standen sich nicht mal gegenüber. Aber sie standen vor Wänden, waren also nach hinten geschlossen. Und sie hatten keine Lehnen. Sie bestanden aus dicken Holzplanken, die an den Enden auf Betonwürfeln auflagen. Der Platz zwischen den Betonwürfeln bildete die Kästen, in die es reinzukicken galt; und wir kickten mit allem was rund war.

Es gab Tennisball-, Plastikball- und Lederballphasen. Der Lederball schenkte das Gefühl des „echten Fußballs“, war aber laut wenn er gegen Wände prallte, was schon mal die eine oder andere Beschwerde zufolge hatte. Plastikbälle hielten meist nicht sehr lang, da der Spielplatz von undefinierbarer Bepflanzung mit Dornen gesäumt war, und diese Bälle unberechenbar- und früher oder später immer in solche Dornen flogen. Zumeist hatten wir also Tennisbälle am Fuß, welche auf dem gummierten, aber recht harten Boden schnell waren und auch gut zu unseren kleinen „Toren“ passten. Wir spielten immer, denn irgendwer war immer da. 4 gegen 3, 2 gegen 1, auch 1 gegen 1, Turniere oder nur so, vollkommen egal. Stundenlang, in den Ferien ganze Tage. Und jahrelang bis einer nach dem anderen dem Hofgekicke entwuchs. Auch ich.

Wann es für mich anfing aufzuhören weiß ich nicht genau, aber die gute Nachbarschaft blieb immer. Für meine Mutter bis zuletzt. Mehrere der damals gleichzeitig eingezogenen jungen Familien wurden gemeinsam alt, verbrachten Jahrzehnte gute Zeiten miteinander und halfen sich gegenseitig. Auch ohne meinen Vater, ihrem Mann für mehr als 54 Jahre, wollte meine Mutter dort nie weg. Es ist mir ein Trost, dass mit der Plötzlichkeit ihres Todes ihr großer Wunsch in Erfüllung gegangen ist, bis zuletzt im Kreis dieser Nachbarschaft gelebt zu haben.

Nach ihr, und nach insgesamt 37 Jahren, warf ich gestern als letzter unserer kleinen Familie einen Blick auf den Spielplatz. Er wurde umgestaltet, die Bänke stehen nicht mehr wo sie einst standen. Es waren keine Kinder zu sehen. So viele Kinder im ähnlichen Alter, wie nach dem Einzug in die Neubauten, wird es dort nie mehr geben. Mein Ground hat seine Blütezeit lange hinter sich.
Gestern habe ich Tschöö gesagt.

† Reinhard Nagel

Nein, er war kein Schalker. Er war mein Papa. Am Montag ist er im Alter von 76 Jahren verstorben.

In Beuthen/Oberschlesien kam er zur Welt. In Kriegszeiten flüchtete die Familie nach Bayern, wo er aufwuchs. Als er mit 19 Jahren nach Duisburg kam, um hier bei der Post zu arbeiten, als er das damals 18-Jährige Fräulein kennenlernte, das einmal meine Mutter werden sollte, konnte die ihn, ob seines bayerischen Dialektes, kaum verstehen.

In Duisburg sollte er Zeit seines Lebens bleiben. Meine Eltern heirateten 1958, im Jahr der letzten Schalker Meisterschaft. Mein Papa, den ich solange ich denken kann immer nur Fatter nannte, schaute immer Fußball. Früher an der Hafenstraße in Essen und im Wedaustadion zu Duisburg, in den letzten 20 Jahren als Anhänger des FC Bayern alles, was der Pay-TV-Decoder hergab. Wichtiger als Fußball war für ihn aber Eishockey. Dabei blieb er Duisburg stets treu, egal in welcher Liga der hiesige Club auch grade spielte.

Als ich 7 oder 8 Jahre alt war nahm er mich erstmals zu einem Eishockey-Spiel mit. Seitdem war das, bis zum Ende meiner „Jugend“, unser gemeinsames Ding. Sehr intensiv, mit vielen Auswärtsfahrten und regelmäßigen Trainingsbesuchen. Ich entwickelte mich vom faszinierten Knirps zum pickeligen Fanmob-Fan und wäre sicher ein Ultra geworden, hätte es so was damals gegeben. Fatter blieb hingegen über die ganzen Jahre wie er war. Er mochte mosern, sich aufregen, auch mal abwinken, und blieb doch immer dabei.

Ich wurde spät geboren und blieb ein Einzelkind. Als ich auszog, verlor das Leben meiner Eltern eine gehörige Portion Palaver. Schneller als es – meiner Ansicht nach – hätte sein müssen, entwickelten sie „Olle Lütt-Marotten“. Ich denke, ab und an fand mein Fatter mich sicher doof. Ich glaube er hätte sich mehr und intensiveren Kontakt gewünscht, als ich mein eigenes Leben leben wollte, als mich die Fragen nach meinem Alltag nervten. Manchmal war es anstrengend, wie es eben zwischen verschiedenen Generationen anstrengend sein kann. Aber im Grunde gab es nie eine Bruch und nie einen länger anhaltenden Streit.

Als meine Kinder zur Welt kamen, tat das auch meinen Eltern gut. Mein Fatter war nun Opa und er war es gerne. Er liebte seine Enkel sehr, und sie ihn, bei ihm durften sie alles. Wenn mal ein strenges Wort angebracht gewesen wäre, weil meine Kinder den Bogen überspannten, musste er dabei lachen, weil es ihm selbst so unecht vorkam. Der stets gutmütige Opa, der seine Enkel zum lachen brachte, war seine letzte Paraderolle.

Wenn Schalke und der FC Bayern nicht grade zeitgleich spielten, habe ich die Auswärtsspiele der Blauen häufig bei ihm gesehen. Oft war mein Sohn dabei. Auch letzten Samstag war das noch so. Vor dem Spiel schenkte mein Sohn ihm ein Ribéry-Poster, das er in irgendeiner seiner Fußball-Zeitschriften gefunden hatte. Wir könnten demnächst ja mal Pizza zum Spiel bestellen, meinte mein Fatter irgendwann, da hätte er mal wieder Lust drauf. Demnächst mal, ja, auch mein Sohn war von der Idee begeistert.

Als wir nach dem Spiel aufbrachen, als wir uns wie immer verabschiedeten und ich mein übliches „Bis die Tage“ sprach, ahnte keiner von uns, dass es keine weiteren gemeinsamen Tage geben würde.

Ohne jegliche vorherige Anzeichen sackte er Montag in sich zusammen. Jede Hilfe kam zu spät.

Tschöö Fatter!
Kein Vorwurf, aber das ging mir jetzt viel zu flott.
Schade, dass ich Dir so vieles nicht mehr sagen konnte.
Aber danke für alles!

Die Geschichte eines Tabubruchs

Man mag den Partner wechseln oder zu einer anderen Religion konvertieren, aber seinem Fußballclub bleibt ein Fan treu! Bei mir war das anders. Vor ziemlich genau 10 Jahren lernte ich meine heutige Frau kennen und mit ihr erfolgte meine Öffnung zu den Königsblauen. Zuvor war ich Bayern-Fan. Auch noch im Mai 2001. Die Geschichte eines Tabubruchs. Meine Geschichte.

In Duisburg geboren, war der MSV der erste Verein in meinem Leben. Es waren die späten 70er, es war die Zeit vor dem ersten Abstieg, Spieler wie Rudi Seliger, Bobbel Büssers, Kurt Jara, Gerd Heinze und vor allem Bernard Dietz trugen das Zebra-Trikot. Auch mein erster Stadionbesuch fand im damaligen Wedaustadion statt. Mein Vater nahm mich mit. Weil mein Vater aber immer nur fußballinteressiert, nie aber echter Fan war, wurde der Besuch nicht als was wirklich Besonderes zelebriert. Tatsächlich kann ich mich nur daran erinnern, dass es stets ein großes Bohei gab, wenn der MSV gegen Bayern München oder Schalke 04 zu spielen hatte. Welches Spiel allerdings mein erstes Livespiel war, wie es ausging, was ich gut oder schlecht fand, kann ich nicht sagen. Ich habe schlicht keine Erinnerung an mein erstes Mal.

Ob ich mich daran erinnere oder ob es nur durch oftmalige Erzählungen meiner Eltern im Gedächtnis blieb weiß ich nicht, jedenfalls wurde mir irgendwann im Stadion Karl-Heinz Rummenigge als ein besonders guter Spieler vorgestellt, und am nächsten Tag fragte ich meine Mutter, ob dieser Verein denn nun aus Bayern oder aus München käme. Mein Interesse war geweckt und wurde durch Medienpräsenz geschürt. In Zeiten, in denen in der Sportschau kaum mehr als drei Spielzusammenfassungen gezeigt wurden waren die erfolgreichen Bayern immer dabei, der MSV eher selten. So kam das eine zum anderen. Ich wurde Bayern-Fan und sollte es lange bleiben.

Nun mag jeder „Fan“ definieren wie er will. Tatsächlich habe ich in meinem ganzen Leben lediglich ein Heimspiel des FC Bayern besucht. Ich fuhr ab und an zu Auswärtsspielen, wenn sie in den Westen kamen, und pflegte meine Fanschaft ansonsten per Fernsehgerät, was ab der Geburt des Privatfernsehens und der damit verbundenen, verstärkten Berichterstattung gut funktionierte. Obwohl selten live dabei, fühlte ich mich doch als echter Fan, der diskutierte, der für seine Meinung stritt und der nach Niederlagen sauer war.

Trotzdem fehlte mir das Liveerlebnis. Ich mochte „Stadion“ und ich mochte „Bundesliga“, ich mochte es, mit dem Radio im Stadion zu stehen, ein Spiel zu sehen und die anderen Spiele per WDR zu verfolgen. Mit einem Freund, seines Zeichens MSV-Fan und in Krefeld wohnend, fuhr ich regelmäßig zu Fußballspielen. Ich sah viele Erstligaspiele Bayer Uerdingens live, ich fuhr auch zu Oberliga-Auswärtsspielen des MSV, ich fuhr nach Bochum und nach Gelsenkirchen. Ich hegte stets Sympathien, vor allem für den MSV und für Bayer 05 Uerdingen, aber vor allem ging es um die Liebe zum Spiel, um den Fußball und um das Stadionerlebnis an sich. Ich mochte „meine Vereine“, aber sie titschten mich nicht an. Wenn Bayern München verlor, ärgerte mich das. Das war mein Gradmesser.

1991 spülte es mich im Ruhrstadion zu Bochum auf eine mit Schalkern vollgepackte Auswärtsfanstribüne. Schalke verlor 0:1, aber viel mehr Erinnerungen als an das Spiel habe ich an die Atmosphäre. Es war nicht mein erstes Schalke-Spiel, ich war zuvor schon einige Male im Parkstadion, auch 1989 gegen Blau-Weiß 90 Berlin, einem der wichtigsten Spiele der Schalker Vereinsgeschichte. Auch das war beeindruckend, aber nun stand ich erstmals mittendrin. Ich fühlte, ich gehörte nicht da hin, aber ich war hin und weg von der Stimmung, von den an mir vorbeifliegenden Armen beim „Attacke“-Ruf, von der Leidenschaft, von dieser gewaltigen Masse Blau-Weiß. Ich war so beeindruckt, dass ich mir noch dort im Stadion einen Schalke-Schal kaufte. Mein erster gekaufter Schal überhaupt. Ich trage ihn heute noch ab und an.

Damals legte ich ihn erstmal wieder weg. Das Spiel war wie Fremdgehen, so was tut man nicht, als Fußballfan. Spätestens nach der bald folgenden Winterpause hatte ich meine „Fußballhormone“ wieder im Griff. Was blieb war die Grundsympathie für Königsblau. Was in mir gor war die Unzufriedenheit mit dem TV-Fan-Dasein. Der Nährboden war bereitet, und doch dauerte es noch etwas.

Im Jahr 2000 ging meine damalige Ehe in die Brüche. Zwischen Mitte 2000 und Ende 2001 ging es in meinem Leben drunter und drüber, es gab wohl keine Phase in meinem Leben, in der mir Fußball unwichtiger gewesen wäre. Und so war es zwar in der Tat so, dass ich mich am besagten 19. Mai als Bayern-Fan bezeichnete, dass ich aber live nichts von den Ereignissen mitbekommen hatte und ihrer erst spät abends via Fernsehen gewahr wurde.

Den entscheidenden Dreh zum guten Heutigen bekam mein Leben dann im Oktober des gleichen Jahres. Ich lernte Frau Wieland kennen, zwar in Düsseldorf wohnend, aber wie der Zufall es wollte, eine Tochter Gelsenkirchens, ein Resser Mädchen. Mit einer neuen Frau bekommt man neue Bekannte geschenkt, aus denen bestenfalls Freunde werden. In meinem Fall waren diese Freunde nahezu alle Königsblau, wie dem eben so ist in Gelsenkirchen. Anfangs stand ich ihnen noch als Bayern-Fan gegenüber, aber meine Argumente gingen mir aus, denn eigentlich beneidete ich sie. Nur die Angst vor dem Unverständnis und ob der eigenen Vorstellung von (Fußball-)Moral wahrte ich noch meine Position. Bis ich entschied, mich gehen zu lassen.

Ich ging mit Schalker Freunden ins Stadion, und wieder, und wieder. Ich fühlte es wie 1991 und sperrte mich nicht mehr davor. Es fühlte sich gut an, live, rund, in sich stimmig, es war aufregend aber für mich doch irgendwie beruhigend, ein Ankommen.
Das in Worten zu erklären, jemandem der „nur mal so“ fragt, funktioniert nicht, weshalb ich mich verbal vielen Menschen, die mich noch als Bayern-Fan kannten, nie erklärte. Ein knappes „das hat sich so ergeben“ stellte sicher niemanden zufrieden, der ob meines oberflächlich betrachtet „spontanen Wechsels“ den Kopf schüttelte. Manchmal war mir das egal, manch Anderen gegenüber tat mir meine Unfähigkeit zur Erklärung richtiggehend leid. Auch ihretwegen gibt es nun hier diesen Text.

Tabubruch oder nur eine Entwicklung, nachvollziehbar oder unverständlich; heute mache ich mir über eine Wertung keine Gedanken mehr. Heute bin ich Schalker Vereinsmitglied aus Überzeugung und immer noch verliebt in diesen Club, egal welcher Mist einem ab und an widerfährt. Heute sitze ich im Stadion neben Freundin Kerstin, der besten Freundin meiner Frau, unserer Trauzeugin und Patin unseres Sohnes, und es fühlt sich an, als sei es die letzten 30 Jahre nie anders gewesen. Dies ist meine Geschichte, und heute bin ich mit mir im Reinen.

Unvergessen, unverarbeitet

Heute spielt der FC Schalke 04 in Duisburg gegen den MSV. Die Einnahmen aus diesem Spiel werden den Opfern der Loveparade-Katastrophe zu Gute kommen.

Rund 10 Wochen ist es her, dass ich erstmals am Tunnel stehen blieb. Zuvor bin ich schnell vorbei wenn ich vorbei musste, zuvor passte es mir nicht, wollte ich es nicht an mich heran lassen. Nun war es ein Samstagmorgen, ich hatte keine Eile die zur Ausrede gereicht hätte, ich war alleine.

Auf einer Fläche, einige Meter neben dem Tunneleingang steht ein Glaskasten, in dem viel von dem aufbewahrt wird, was Trauernde an der Unglückstelle im Tunnel hinterlassen haben. Im Tunnel, an der Treppe, die für 21 Menschen unerreichbar blieb, kommen immer wieder mal weitere Trauerbekundungen dazu. Dort stehen nach wie vor brennende Kerzen.

Wer sich dort hinstellt, wer sich die Texte durchliest, die düsteren Mauern des Tunnels im Rücken, die Bilder und die Namen der Jungendlichen vor Augen, spürt Bedrückung, spürt Trauer, spürt Wut.