Messias Tedesco? Erst mal nur „der Nächste“

Eine lange Saison steckt in den Schuhen. Der Endspurt. Gewonnen, verloren, unentschieden. Gewonnen, verloren, gewonnen. Noch ein Spiel gegen einen gleichwertigen Gegner. Ein Punkt reicht, um das Saisonziel doch noch zu erreichen! Auf Sieg spielen, an sich glauben! Um dann doch zu verlieren.

Klingt nach Schalke. Ähnlich widerfuhr es den Blauen immer dann, wenn man doch noch auf einen Europa League-Platz hätte kommen können. Die oben beschriebene Abfolge ereilte aber Erzgebirge Aue. Am letzten Spieltag verlor Aue in Düsseldorf mit 0:1.

Dass Aue auf „Sieg spielen“ würde, wie von Tedesco angekündigt, davon war kaum etwas zu sehen. Zwar kombinierten die Veilchen teilweise ansehnlich, aber kaum bis ins letzte Drittel.

… schrieb der kicker später. Dass Aue dennoch feiern durfte und nicht in die Relegation musste lag daran, dass Bielefeld und 1860 München ihre letzten Spiele ebenfalls nicht gewannen. Als Retter Aues durfte sich Domenico Tedesco selbstverständlich dennoch feiern lassen. Von 11 Spielen unter seiner Leitung verlor Aue nur drei, gewann sechs. Aber als ein Proficlub wie Schalke 04 …

verpflichtet man ja nun wirklich keinen Trainer, der für ein paar Wochen bei Aue wohl gute Arbeitet leistete, sondern in erster Linie den von vielen als überragend empfundenen Jugendtrainer, der auch in Aue überraschend großen Erfolg hatte.

… wie Kommentator sternburg gestern so treffend schrieb.

Bevor Domenico Tedesco im März Aue übernahm war er U19-Trainer in Hoffenheim. Dieses Amt hatte er erst zu Saisonbeginn übernommen. In der Saison zuvor gewann Hoffenheim die Staffel Süd/Südwest. In den 20 Partien unter Domenico Tedesco kam Hoffenheim auf 10 Siege, 2 Unentschieden und 8 Niederlagen. Bei seinem Abschied belegte die TSG Platz 4 und hatte bei einem Torverhältnis von 38:35 die zweitmeisten Gegentreffer kassiert.

Bevor er nach Hoffenheim kam war Domenico Tedesco Cheftrainer der U17 des VfB Stuttgart. In der Saison 2013/2014 führte er das Team auf Platz 2. In der Saison 2014/2015 gewann sein Team die Staffel. In den zwei Spielzeiten vor Domenico Tedesco belegte die U17 des VfB Stuttgart ebenfalls Platz 2 und 1. In den zwei Spielzeiten nach Domenico Tedesco belegte die U17 des VfB Stuttgart Platz 1 und 2.

Stopp!

Der Wieland, der ewige Mopperkopp! Will der den neuen Trainer schon vor dem ersten Testspiel schlechtmachen? Was will er uns damit sagen? Dass sich Heidel vertan hat?

Nein. Ich möchte nur darstellen, dass Schalkes neuer Trainer kein Messias ist, und dass seine Erfolge mit Jugendteams keineswegs so spektakulär waren, wie man glauben könnte, wenn man nun die vielen Jubeltexte liest, die gerade über ihn verfasst werden. Experten nennen Domenico Tedesco eines der größten Trainertalente. Aber das wurde zuvor eben auch schon über viele gesagt. Gerade zwischen den Spielzeiten wird viel gelobt. Wer wissen will, was ich meine, suche mal nach Texte über Markus Weinzierl, als dieser zum Trainer des Jahres ernannt wurde.

Ich freue mich auf Domenico Tedesco. Er wirkt sympathisch und enthusiastisch. Man sagt, er wisse was er tue. Er hat noch nirgendwo enttäuscht. Sein junges Alter empfinde ich nicht als problematisch. Ich sehe keinen Grund zur Sorge, ich wüsste nicht, warum ich diesem Trainerwechsel nicht optimistisch begegnen sollte. Noch sehe ich aber auch keinen Grund, heute optimistischer zu sein, als ich es bei den Trainerwechseln zu Roberto Di Matteo, André Breitenreiter oder Markus Weinzierl war.

Ma’kucken.

Foto: Tomek Bo

Zur Trainerdiskussion hier & in den Social Networks

Der VfL Wolfsburg hat sich vorgestern von Trainer Dieter Hecking getrennt. 2015 wurde Hecking noch zum Trainer des Jahres gewählt. Aktuell hat Wolfsburg zwei Punkte mehr als Schalke 04.

Schalker sind viele, es gibt immer alle Meinungen, und spätestens gestern ist das ewig wiederkehrende Kapitel „Trainerdiskussion“ auch in diesem Blog angekommen, in den Kommentaren unter dem letzten Beitrag.

Mit Blick auf die nur vier Punkte aus sieben Bundesligaspielen und auf das wahrlich nicht gut anzuschauende Spiel in Augsburg halte ich das für sehr normal. Falsch finde ich lediglich die immer wieder aufkommenden Vergleiche mit früheren Trainern. Man müsse die Arbeit Breitenreiters nun anders bewerten, las ich, oder dass Jens Keller und André Breitenreiter nach zehn solcher Pflichtspiele längst in der Luft zerrissen worden wären.
Das ist meines Erachtens unlauter. Zum einen, weil im Nachhinein jede schlechte Phase immer erträglicher in Erinnerung bleibt als sie sich akut anfühlte, und weil hierbei die akute Erfolglosigkeit Weinzierls mit offensichtlich verblassenden Erinnerungen verglichen wird. Zum anderen, weil es schlicht unfair ist, Trainer, die zumindest eine Saison Zeit für ihren Eindruck hatten, Markus Weinzierl gegenüberzustellen, der bislang nur für 10 Pflichtspiele verantwortlich war. Letztlich sind solche Vergleiche nur eine Kritik am aktuellen Trainer, kaschiert mit einem Feigenblatt angeblicher Objektivität oder Fairness gegenüber den früheren Verantwortlichen.

Ich selbst bin weit davon entfernt, Markus Weinzierl als irgendwie schwach, schlecht oder falsch zu erachten. Schalke fehlen sechs Punkte. Spiele wie die gegen Bayern München, Nizza und Borussia Mönchengladbach haben aber gezeigt, dass nichts grundsätzlich verkehrt läuft. Wie viele andere Schalker bin ich der immer gleichen Beißreflexe gegen den Trainer nach solch kurzen Misserfolgsphasen müde. Mut macht mir aktuell das Wirken des Clubs, der sich anders darstellt als zuvor in ähnlichen Situationen.

Aus dem Aufsichtsrat gibt es keine Statements zu lesen. Der Vorstand Sport/Kommunikation ist präsent und äußert nichts, was den Trainer irgendwie angreifbarer machen würde. Der Trainer selbst bleibt auf Pressekonferenzen nüchtern und sachlich. Das alles trägt dazu bei, dass bislang in den Medien keine krachenden Schlagzeilen gegen Schalkes Trainer zu lesen waren. Dass jeder Bundesliga-Trainer unter Erfolgsdruck steht ist vollkommen klar, dazu braucht es keine Schlagzeilen. Dass Schalke es aktuell so gut hinbekommt, sich nach Außen „cool“ zu zeigen, trägt dazu bei, dass sich Trainer und Mannschaft in relativer Ruhe auf die weiteren Aufgaben vorbereiten können.

Auch deshalb sind Thesen nach dem Muster „der Andere hätte/wäre in dieser Situation dies oder das …“ Mumpitz. Auf Schalke agiert ein Trainer nie alleine, sondern im Tandem mit dem zuständigen Vorstand, der „die Situation“ maßgeblich mitgestaltet. Christian Heidel zeigt den zuvor erhofften breiten Rücken. Er wird einen Trainer dann entlassen, wenn er den Eindruck hat, dass dieser in Zukunft die Mannschaft nicht voranbringen kann, nicht weil in der Vergangenheit Punkte liegen blieben.

Eben das schreibe ich übrigens auch Klaus Allofs in Wolfsburg zu. Dessen Entscheidung zu einem Trainerwechsel basiert sicher nicht nur auf der Wahrheit der fehlenden Punkte der aktuellen Saison. Nach 2015 hat sich die Mannschaft des VfL unter Dieter Hecking über eine komplette Saison zurückentwickelt und Allofs nun zu einem Neuanfang veranlasst. Schalkes Saison ist nach einem kompletten Neuanfang immer noch sehr jung.

Ma’abwarten.